Ja, ich bin links. Oder: warum deutliche Positionen heute wieder wichtig sind.

Ein Gastartikel von Tina Voggenreiter

Ich bin in keiner Partei, in keinem Verein, habe keine Clique und nicht mal ein Zeitschriftenabo. Kurz gesagt: Ich hatte generell nie so sehr das Bedürfnis, für irgendwas Flagge zu zeigen. Das hat sich in den letzten Monaten geändert. Ausschlaggebend ist die zunehmende Diffamierung von „links“ bzw. die mediale Gleichsetzung von „links“ und „rechts“. Beide Trends machen es meiner Meinung nach notwendig, sich zu positionieren, auch und vor allem öffentlich.

Schubladendenken?

Links, rechts, oben, unten … Braucht man diese Zuordnungen und, wenn ja, wozu eigentlich? Diese Frage finde ich wirklich sehr spannend und sie begegnet mir oft in sozialen Netzwerken, z. B. so:

„Vielleicht sollte man sich gar nicht fragen, was ‚links‘ ist. Man sollte eher fragen, was allgemein ‚sozial‘, ‚demokratisch‘ und ‚menschenwürdig‘ ist – und so viele andere Dinge, die noch dazugehören.“

„Und aufhören, alle Menschen in Schubladen ablegen zu wollen. Weder ist links richtig noch rechts! Diese Spaltung ist einfach nur noch lächerlich!“

Spontan möchte ich beiden recht geben, denn sie kommen mir und meiner Meinung entgegen: Schubladen brauche ich nicht, und was die Definition von „menschenwürdig“ angeht, kann es ja sowieso nur die eine, einzig wahre geben, oder?

Der Streit um die Definitionshoheit

Das Problem: Der Streit darum, was „gut“ ist, hat längst begonnen. Oder genauer gesagt: der Streit darüber, wer „das Gute“ definiert, vertritt, durchsetzt. Und wer glaubt, es gebe für Schlagwörter wie z. B. „Gerechtigkeit“ und „sozial“ nur die eine Definition, der irrt.

In den letzten Jahren wurde deutlich: Traditionell „links“ zu verortende Begrifflichkeiten werden ebenso gern von Gruppierungen verwendet, die sich weiter „rechts“ im politischen Spektrum einordnen.

Seinen vorläufigen Höhepunkt findet das im Stichwort „Linke Sammlungsbewegung“, und genau hier ist auch das o. g. Zitat einzuordnen. Also die Fragestellung: gute Idee, aber wieso muss das „links“ definiert sein?

Und hier ist mir klar geworden: Weil es nur SO sein kann. Es ist eine „linke“ Bewegung, weil es um Grundsätze geht, die eine VERBINDENDE Wirkung innerhalb der Gesellschaft haben, und es um GleichWERTIGKEIT innerhalb einer Gesellschaft geht. Und ja, das unterscheidet sich – muss sich unterscheiden – von Bewegungen des rechten Spektrums.

Die Nuancen sind entscheidend

In der öffentlichen Debatte scheinen viele Ziele unterschiedlicher politischer Gruppen auf den ersten Blick gleich zu sein. Gute Jobs und gute Bezahlung für alle, eine gesunde Umwelt … Das ist ja auch nur logisch, eine Frage des „gesunden Menschenverstandes“, solche Ziele zu vertreten.

Die Weichen werden aber im „Kleingedruckten“ gestellt. Eines der Hauptmerkmale in der Unterscheidung zwischen „links“ und „rechts“ ist die vorgesehene Stellung der Menschen zueinander: Während in „linken“ Ausrichtungen Menschen mehrheitlich als gleichwertig angesehen werden, werden diese in „rechten“ Gruppierungen aufgrund von unveränderlichen Merkmalen gern mal hierarchisch angeordnet. Also in „oben“ und „unten“.

Das klingt zwar ein wenig kompliziert, wird aber in der Praxis einfach sichtbar: immer feste druff auf Gruppierungen von Menschen, die als minderwertig diffamiert werden.

Eine „rechte“ Sichtweise impliziert eben auch: Es gibt Menschen, die „es verdient haben“, hier zu leben, die aber auch permanent „bedroht“ werden von „anderen“. Da wird kommunikativ gearbeitet mit dem Stilmittel „Angst“ und der daraus folgenden „Notwendigkeit der Verteidigung“.

Das „Rechts-Links-Denken“ nicht ablegen, sondern verstärken

Die so definierte Unterscheidung macht es mir persönlich sehr leicht, mich zu definieren:  Das „Miteinander“ ist mir wichtig, ich möchte kein Gegeneinander. Gerechtigkeit ist mir wichtig, aber nicht auf Kosten anderer. Ich bin links, alles andere ist indiskutabel.

In der alltäglichen Bewertung von Themen, Meinungen bedeutet das: Je mehr „gleiche“, übergeordnete Ziele es auf der politischen Landkarte gibt, umso mehr muss ich auf die Feinheiten achten. Es macht sehr wohl einen Unterschied, welche Partei „soziale Gerechtigkeit“ fordert!

Auch scheint es mir umso wichtiger, die eigene generelle Position nicht nur für mich selbst durchzudefinieren, sondern in Diskussionen auch öffentlich kundzutun.

Denn wenn „Links“ meine Geisteshaltung ist, habe ich keine grundsätzliche Basis, mit „Rechts“ konstruktiv zusammenarbeiten.

Was nützt es da, vereinzelte Themen „gemeinsam zu haben“ und sich für solch einen Fall zu „verbrüdern“ oder auch nur nett zueinander zu sein? Ich meine: Damit unterstütze ich nur Menschen und Ideen des rechten Spektrums dabei, „salonfähig“ zu werden, und das hieße dann, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.

Fazit:

Linke Ideen, Ziele und Bewegungen sollten als das verteidigt werden, was sie sind: links. Sicher sind sie auch universellerer Natur, aber eine solche Definition öffnet nur Tür und Tor für Kaperer, die sich Ideen zu eigen machen, aber andere Ziele verfolgen.

Was links ist, soll links bleiben. Oder, und auch das ist ein Zitat aus einer Facebook-Diskussion: „Was Du mit ‚links‘ ausgedrückt hast, sind Vorstellungen und Ideen des ‚Herzens‘, und das sitzt nun mal links.“

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