Über den Mythos des freien Marktes

Es sind die Narrative, die Erzählungen, die wir glauben, die bestimmen, wer wir sind und wie wir handeln. Es sind die kleinen Erzählungen, die wir über uns erzählen, die unsere Persönlichkeit ausmachen, wenn wir sie selbst glauben. Es sind die großen Erzählungen über unsere Gesellschaft, über die Politik, über die Wirtschaft, über die Vergangenheit, welche die Richtung bestimmen, in die sich die Gesellschaft entwickelt. Deshalb lohnt es, sich mit den Narrativen zu beschäftigen, sie zu hinterfragen, zu relativieren oder sogar als falsch herauszuarbeiten, wenn sie denn falsch sind. Sie sind die Basis unseres Denkens und Handelns, das Fundament. Was geschieht, wenn das Fundament nicht stimmt, kann man am schiefen Turm zu Pisa gut beobachten, kann man aber auch in unserer geteilten, gespaltenen Gesellschaft sehen, wo lange schon Mythen, welche wir über Erzählungen am Leben erhalten, das gesellschaftliche Handeln prägen, sodass das Fundament deshalb immer weniger trägt.

Immer wieder hören und lesen wir, dass es der Markt richten soll, wir auf diesen vertrauen sollen, die dortige Freiheit die besten Lösungen für uns alle bereithalten würden. Annegret Kramp-Karrenbauer, ihres Zeichens Generalsekretärin der CDU und potenzielle Nachfolgerin von Angela Merkel, will ausdrücklich noch mehr Markt, spricht sogar schon von „Sozialpopulismus“, wenn andere Eingriffe in dieses Marktgeschehen fordern beim Wohnungsbau, bei der Infrastruktur, im Bildungsbereich, bei den Renten und den Arbeitslosengeldern und vielen anderen politischen, sozialen Feldern, wo die Probleme immer größer statt kleiner zu werden scheinen. Alles soll weiterhin der Freiheit der Märkte überlassen bleiben, ja, den Märkten sollen sogar noch mehr Freiheiten und Kompetenzen eingeräumt werden.

Wie gut das läuft, sieht man bei der Pflege, bei den Wohnungsmieten und vielen anderen Verwerfungen der Märkte. Wie machtlos die Politik mittlerweile ist, weil sie sich den Märkten ausgeliefert hatte, sieht man an den Beschlüssen beispielsweise zum Dieselskandal, bei der Kohle und auch in der Landwirtschaft – man denke an die weiteren zwei Jahre, in denen nun die Ferkel ohne Betäubung gequält werden dürfen. Alles, weil der Markt es so will, weil man diesem nicht allzu viel Beschränkungen aufzuerlegen hätte, weil dies angeblich Wohlstand kosten würde, weil nur freie Märkte den Wohlstand garantieren könnten. Weil es angeblich das Wesen der Märkte sei, frei zu sein, und nur diese Freiheit auch unsere Freiheit garantieren würde. Dabei kann der „freie Markt“ gar kein Wesen haben, weil der freie Markt selbst ein Mythos ist, ein in seiner Wirkung auf Mensch und Natur immer fatalerer Mythos.

Man kann Märkte freier machen, indem man Regeln aufstellt und diese kontrolliert als Staat, als Gesellschaft, aber man wird nie alle Marktteilnehmer in eine gleich starke Position bringen können, auf einen ähnlichen Informationsstand beispielsweise, schon gar nicht, wenn man dem Markt weder Regeln noch Grenzen setzt, sie derart befreit, wie wir dies getan haben und weiter tun wollen. Immer wird es Marktteilnehmer geben, die mehr Macht haben als andere, eben weil sie mehr wissen, es früher wissen als andere und sie damit die Freiheit des Marktes beschränken können und auch beschränken. Wäre es anders, wären wir alle schon längst Millionäre, hätten wir uns an den Börsen alle schon reich spekulieren können. Nur fehlt uns das Wissen, welches andere haben, welches ihnen ermöglicht, fast immer Sieger auf diesen Märkten zu sein und zu bleiben, während viele andere ihres Vermögens verlustig gehen, meist die der kleinen, selten die der wirklich großen – die werden manchmal ärmer, aber nie wirklich arm. Deshalb braucht es Regeln und Grenzen, wieder mehr Regeln und Grenzen, als wir derzeit haben, müssen wir die Freiheit der Märkte einschränken, dürfen wir diese nicht noch ausweiten, wollen wir unsere Freiheit erhalten, wollen wir nicht den Mächtigen der Märkte uns, die Natur, die Welt allein überlassen.

Mehr noch, ohne Staat, der die Märkte garantiert, gibt es gar keine Märkte, würde Handel gar nicht in dem Maße stattfinden können, wie wir es gewohnt sind. Immer sind es die Staaten oder Herrscher gewesen, ganz gleich welcher Herrschaftsform, die den Markt erst möglich machten, die Regeln dafür aufstellten und darauf achteten, dass diese auch eingehalten werden. So etwas wie freie Märkte gab es nie, gibt es auch heute nicht. Freie Märkte sind ein Traum, eine Utopie, ein behaupteter ökonomischer Trugschluss der liberalen ökonomischen Denker; sie sind aber noch nie Realität gewesen und auch weit davon entfernt, Realität zu werden. Die Konzerne haben nicht wirklich Interesse daran, dass die Märkte allzu frei sein werden, schaffen lange schon über Patente und hohe Investitionsanforderungen Marktzugangshürden, sind sehr darauf bedacht, diese über Freihandelsabkommen auch noch rechtsstaatlich festzuschreiben.

Deshalb kann und darf der eigentlich unfreie Markt nicht über Wohl und Wehe, wie derzeit, der Menschen allein entscheiden. Deshalb brauchen wir die Umverteilung über den Staat und seine Institutionen, geregelte statt ungeregelte Märkte und endlich eine Diskussion über das Eigentum. Denn der technische Fortschritt nützt monetär nur dem bestehenden Eigentum, schafft wenig neues Eigentum, und damit verschärft der technische Fortschritt nicht nur die Ungleichheit, sondern erhöht vor allem die Macht derer über uns, die im Besitze des Eigentums sind, denn sie haben auch die Macht auf den unfreien Märkten und damit über uns.

Weil der freie Markt ein Mythos ist, kann er auch nicht versagen. Das, was wir Marktversagen nennen, ist eigentlich ein Versagen derer, die uns glauben machen wollen, dass es so etwas wie freie Märkte überhaupt geben könnte, ist das eigentliche Versagen der liberalen Theoretiker der Ökonomie unserer Tage und der ihr hörigen politischen und medialen Eliten. Nicht die Märkte versagen, sondern die, die es versäumen, den Märkten Regeln und Grenzen zu setzen, die immer noch von freien Märkten reden, von noch freieren Märkten träumen.

Bewusst herbeigeführtes Versagen?

Teils, teils.

Teils nein, weil das Wissen über Märkte selbst unter Ökonomen oft rudimentär ist und daraus das Missverstehen herrührt, und teils ja, weil natürlich bewusst eine Ökonomie derzeit betrieben wird, die nur auf die Geldwertstabilität abzielt und damit alle anderen Ziele dieser Geldwertstabilität unterordnet. Helmut Schmidt brachte das mal auf den Punkt, kurz bevor man ihn stürzte, der Grund, warum man ihn stürzte: „Mir sind 5 % Inflation lieber als 5 % Arbeitslosigkeit.“ Heute gilt der Satz auch noch, aber umgekehrt. Alle Verwerfungen dieser Tage stehen Pate dafür.

Es wird deshalb Zeit, sich von einigen Mythen zu trennen, die unser Leben derzeit in die falschen Bahnen lenken, und der Mythos des freien Marktes ist nur einer von vielen anderen Mythen, welche wirklichen Verbesserungen im Wege stehen, sie sogar verhindern.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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