Die Pathologie des extremen Reichtums

Anlässlich des vor einigen Wochen stattfindenden Weltwirtschaftsforums in Davos kursierten ja einige Berichte, so wie hier auf Spiegel Online, in denen thematisiert wurde, wie es um die Verteilung des weltweiten Reichtums bestellt ist. Die genannten Zahlen wirken grotesk und erschreckend zugleich: Die 85 reichsten Personen besitzen in etwa so viel wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung, und das reichste Prozent der Menschen besitzt etwa die Hälfte des Weltvermögens. Wer diese Menschen sind und wie viel sie im Einzelnen besitzen, kann man der Forbes-Liste der Milliardäre entnehmen.

Nun sind wir ja mittlerweile an solche extremen Geldbeträge gewöhnt, spätestens seit der Bankenrettung nach der Finanzkrise sind Milliarden an Euro etwas nahezu jedem Geläufiges. Dabei verlieren wir allerdings auch aus den Augen, wie viel Geld das denn auch tatsächlich ist, also nicht nur als Zahl, sondern auch tatsächlich als Zahlungsmittel. Es ist mir dabei klar, dass die nachfolgenden Beispiele etwas vereinfacht sind und natürlich Sachen wie Steuern oder Inflation außen vor lassen, aber es geht auch dabei ja auch eher um eine generelle Vorstellung, was diese hohen Zahlen in etwa in der Realität bedeuten.

Um sich dies vor Augen zu führen, kann man ja erst mal mit deutlich kleineren Beträgen anfangen: 1 Million Euro. Das klingt erst mal überschaubar, und immerhin gibt es ja zahlreiche Menschen in der Wirtschaft, aber auch im Sport oder Showbusiness, die mehrere davon pro Jahr für ihre Tätigkeit bekommen. Wenn man nun eine Million Euro nimmt, diese nirgends anlegt, sondern einfach Stück für Stück ausgibt über einen Zeitraum von 40 Jahren, so hat man immerhin schon mal 25.000 Euro im Jahr zur Verfügung – das ist mehr, als viele Menschen, die einer Vollzeittätigkeit in Deutschland nachgehen, verdienen (jemand mit 10 Euro/Stunde brutto, der also schon mal über dem zurzeit für 2017 angedachten Mindestlohn liegt, kommt auf gut 20.000 Euro Jahr). Und 40 Jahre sind ja nun eine durchaus lange Zeitspanne, die bei vielen bis ans Lebensende reichen würde. Aber selbst bei 80 Jahren käme man mit 12.500 Euro pro Jahr noch auf eine deutlich höhere Summe, als sie beispielsweise Hartz-IV-Empfängern zur Verfügung steht.

Das klingt natürlich alles noch nicht nach Luxus und Champagner bis zum Abwinken, allerdings ist das ja auch erst der Anfang. Wenn wir nun einfach mal eine 0 an die 1 Million Euro anhängen (und auch dabei sind wir immer noch im Bereich dessen, was etliche Menschen als Jahressalär einstreichen), dann sieht es schon etwas üppiger aus: Mit 10 Millionen Euro könnte man 40 Jahre lang jedes Jahr 250.000 Euro ausgeben – oder als junger Mensch 80 Jahren lang 125.000 Euro. Damit befinden wir uns nun schon mal in einem Bereich, den Menschen mit einer durchschnittlichen Berufstätigkeit niemals werden erreichen können. Und immer dran denken: Das Geld muss dafür noch nicht mal angelegt werden, es kann einfach so verbraucht werden.

Das Anhängen weiterer Nullen führt nun in immer absurdere Sphären: Bei 100 Mio. Euro ist es schon möglich, 40 Jahre lang jedes Jahr 2,5 Millionen Euro auszugeben (oder 80 Jahre lang 1,25 Millionen Euro), bei einer Milliarde landet man bei 25 Millionen bzw. 12,5 Millionen pro Jahr, die irgendwie unters Volk gebracht werden wollen – wobei man sich spätestens hier die Frage stellen muss, wie das denn überhaupt noch geschehen soll, wenn man sich nicht ständig Häuser, Jachten o. Ä. in einem Maße kauft, dass man diese gar nicht mehr nutzen kann. Und nun haben die ganzen Leute in der Forbes-Liste nicht nur eine Milliarde, sondern ein paar mehr davon.

Diese Anhäufung von Vermögen in den Händen weniger ist nun nicht nur volkswirtschaftlich ausgesprochen schädlich, da dieses Geld eben nicht wieder in den Wirtschaftskreislauf fließt, wie das bei den Gehältern von Durchschnittsverdienern der Fall ist, sondern diesem durch Horten entzogen wird. Es hat darüber hinaus auch eine m. E. ausgesprochene pathologische Komponente: Geld wird zum Selbstzweck, zum Götzen, es findet eine Umdeutung statt weg von dem Hilfsmittel zum Warenaustausch, als das es ursprünglich einmal konzipiert wurde, mit der Folge, dass es Menschen gibt, die mehr davon haben, als sie und auch ihre Erben jemals werden ausgeben können – und deren oberstes Lebensziel es ist, nur immer noch mehr davon zu bekommen. Suchtverhalten beschreibt diesen Zustand wohl recht treffend – Forbes-Listen-Junkies sozusagen. Blöderweise ist es nun so, dass dieses Suchtverhalten nicht den Süchtigen selbst schädigt (zumindest nicht in einem physisch-materiellen Sinn), sondern viele andere Menschen. Ein weiterer Aspekt dieser enormen Geldmengenanhäufung ist ja, dass die Einzelnen, die diese Vermögen besitzen, gar nicht in der Lage waren, diese auch zu erarbeiten, dies mussten eben schon andere für sie machen (das ist ja das Prinzip der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, dass der Mehrwert der erbrachten Arbeit abgeschöpft wird). Und je größer (und absurder) diese Vermögen sind, desto mehr mussten tatsächlich andere dafür Arbeitsleistungen aufbringen. Wenn man nun noch berücksichtigt, dass diese Vermögen ja in der Regel nicht in einem Beutel unterm Kopfkissen gehortet werden, sondern angelegt werden, wird deren parasitäres Ausmaß noch deutlicher: Auch wenn es immer heißt Geld arbeitet, so trifft dies doch nicht zu, denn natürlich kann Geld nicht arbeiten, sondern nur so angelegt werden, dass andere Menschen für dessen Verzinsung produktive Arbeitsleistung erbringen müssen. In einem gewissen Rahmen funktioniert das auch noch, aber mittlerweile sind die Dimensionen derart ins Groteske abgedriftet, dass so immer mehr dem tatsächlichen Leistungsbringer vorenthaltene Entlohnung dafür aufgewendet werden muss, um die leistungslosen Zinseinkünfte derjenigen zu bedienen, die eben keine produktive Leistung erbringen. Dass nun die in maßlosester Weise Geldsüchtigen über ihre Politvasallen und Medien immer wieder verbreiten lassen, dass sich Leistung ja lohnen müsse und wir in einer Leistungsgesellschaft leben würden, ist eine besonders zynische Fußnote des Ganzen.

Der Markt, dem ja die Politik schon in kriecherischer Weise hinterherhechelt seit ein paar Jahrzehnten und der als unfehlbarer Instanz das Ideal der neoliberalen Ideologie bildet, dient also in erster Linie dazu, die vollkommen irrationalen, krankhaften und parasitären Symptome eines Suchtverhaltens von einigen wenigen, welche das Hilfsmittel Geld zum absoluten Selbstzweck erhoben haben, zu bedienen – und das auf Kosten von der großen Mehrheit der Weltbevölkerung. Und dies wird uns allen als alternativlose, unumstößliche Tatsache verkauft. Das ist wahrlich ausgesprochen krank …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 thoughts to “Die Pathologie des extremen Reichtums”

  1. Gerade eben habe ich in der FAZ einen Artikel gelesen, der die Einkommen von Martin Winterkorn, Dong Nguyen und Bert van Marwijk dem Durchschnittsverdienst eines deutschen Arbeitnehmers in der Privatwirtschaft gegenüberstellt. Dabei muss man dann vor allem noch berücksichtigen, dass das Durchschnittseinkommen noch mal um einiges niedriger ist als der hier von der FAZ herangezogene Wert, das (Miss-)
    Verhältnis also noch krasser ausfällt.

  2. Das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) hat in seinem Wochenbericht gerade festgestellt, dass die Vermögensverteilung in Deutschland nach wie vor im internationalen Vergleich in sehr hohem Maße vorhanden ist (hier ist die Pressemitteilung dazu), sogar in höherem Maße als in jedem anderen Land der EU. Das beschriebene Phänomen geht uns also in der Tat sehr viel an, und die Politik, die dieses bewirkt hat (u. a. durch Hartz-IV-Gesetze) will Merkel nun als Vorbild in ganz Europa implementieren …

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