Sonntagsgedanken

Ich bin ein alter, weißer Mann und kann weder etwas dafür, dass ich alt bin noch dass ich weiß bin. Ich bin auch als Niemand nicht dafür verantwortlich, was irgendein alter, weißer Mann, der gerade die Macht hat, macht oder nicht macht. Trotzdem werde ich täglich beschimpft.

Merken die, die das tun, eigentlich noch was?

Sind sie sich überhaupt im Klaren darüber, dass es keinen Unterschied macht, ob man Flüchtlinge beschimpft oder alte, weiße Männer oder die faulen Hartzer oder wen auch immer man meint als Typus für die Unsäglichkeiten identifizieren und klassifizieren zu können?

Anscheinend nicht, und das ist mehr als nur traurig!

Begreifen sie eigentlich ihren eigenen Rassismus, den sie doch gern auch dieser Gruppe von Menschen – ja, auch wir sind Menschen – vorwerfen?

Was kommt als Nächstes?

Eine Lebensaltersbegrenzung für weiße Männer?

Möglich scheint mir selbst das mittlerweile, lese ich den Fliegendreck mit, lese ich mit, wie viel Hass da mittlerweile mitschwingt.

„Ach reg dich ab, ist doch nicht so ernst gemeint und gemeint sind doch ganz andere.“

Nein, tue ich nicht, ich reg mich nicht ab, weil ich mich gar nicht aufrege. Es ist eine Frage der Wertschätzung, und Wertschätzung bewegt mich immer, vor allem dann, wenn ich sie vermisse. Eher Mitleid habe ich deshalb mit denen, die nichts anderes können, als einzuordnen, Gruppen zu bilden und alle, die irgendwie ins Schema passen, dann aburteilen. Deren Oberflächlichkeit beklage ich, deren mangelnde Wertschätzung anderen gegenüber beklage ich, aber aufregen werde ich mich nicht. So viel Wertschätzung werde ich ihnen nicht entgegenbringen.

Ich sage nur, was sie in meinen Augen sind: Rassisten, die sich ihres eigenen Rassismus nicht bewusst sind oder nicht bewusst sein wollen.

Ich rate nur, hier verbal endlich abzurüsten, den Rassismus sein zu lassen und genauer die zu benennen, die gemeint sind, und nicht eine ganze Gruppe von Menschen, hier alte und weiße Menschen, in Sippenhaft zu nehmen.

Und nebenbei bemerkt, wer eine plurale Gesellschaft haben will, der muss sich klar darüber werden, dass diese nicht erreicht wird, wenn man auf alte, weiße Männer permanent einschlägt, wenn man sich nicht einer besseren Sprache endlich einmal bedient. Ein wirkliches Miteinander werden wir nämlich mit dieser derzeit gewählten Sprache nicht finden können. Aber was weiß ich schon, bin ich doch nur ein alter, weißer Mann.

Druckansicht

Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

8 thoughts to “Sonntagsgedanken”

  1. Es gibt nur einen Unterschied zwischen den „alten, weißen“ Männern und anderen gesellschaftlichen Gruppen, die Rassismus erfahren: Weiße Männer können zumindest in unserer Gesellschaft nicht diskriminiert werden, wie Margarete Stokowski schon vor gut einem Jahr m. E. sehr treffend in ihrer Kolumne festgestellt hat.

    1. Können sie nicht? Nun ja, ich erfahre jeden Tag das Gegenteil davon. Gerade heute wieder bin ich in Diskussionen angefeindet worden und als Mann – nicht nur alter und weißer Mann – diskrediert worden. Frau Stokowski ist für mich hier nicht so sehr mit ihrer Meinung relevant. Relevanz hat für mich hier eher, was man und wie man Rassismus zu verstehen hat. Und alter, weißer Mann ist eine eindeutige rassistische Äußerung. Da gibt es nichts schön zu reden.

  2. Zitat aus dem Stokowski-Artikel:

    „Wenn man jede persönliche Ablehnung oder auch nur Benennung von gesellschaftlichen Gruppen als Diskriminierung sieht, okay. Dann können auch Weiße und Männer diskriminiert werden. Wenn man aber Diskriminierung als einen Mechanismus versteht, der unterdrückte Gruppen oder Minderheiten von gesellschaftlicher Teilhabe und Gleichberechtigung fernhält, dann ist das eine Erfahrung, die Weiße und Männer als solche in dieser Welt nicht machen können. Es kann Vorurteile gegen sie geben, es kann Gewalt, Mobbing, unfaires Verhalten geben, oder Witze über sie, aber keine Diskriminierung.

    Wer zu einer Gruppe gehört, die standardmäßig in einer Gesellschaft die Macht hat – und das sind bei uns Weiße, Heterosexuelle, Männer, Menschen ohne Behinderung – kann als diese Gruppe nicht diskriminiert werden. Diskriminierung ist strukturelle Benachteiligung, das heißt, es muss eine (Macht-)Struktur geben, die sie stützt. Das kann eine ungleiche Verteilung von Ressourcen sein, das können Polizeikontrollen aufgrund der Hautfarbe sein oder in simplen Fällen einfach Buntstifte oder Pflaster, die „hautfarbig“ genannt werden, als hätten alle Menschen beigerosa Haut. Wenn es diese Struktur nicht gibt, dann ist es keine Diskriminierung.“

    Das ist m. E. sehr schlüssig. Und ich habe mich übrigens auch noch nie diskriminiert oder rassistisch angegangen gefühlt, wenn jemand von „alten, weißen Männern“ gesprochen hat, obwohl ich ja nun rein formal auch zu dieser Gruppe zähle. Aber ich weiß eben auch, dass das damit ein Verhalten gemeint ist, das mir nicht zu eigen ist.

    1. Ein femistischer Trugschluss, den Frau S. hier vollzieht, der mir aber recht typisch für unsere Zeit zu sein scheint. Man mischt halt die Dinge solange durcheinander bis man auch das herausbekommt, was zu seiner (hier ihrer) eigenen Weltanschauung am besten passt.

      Von Rassismus kann man nicht erst dann sprechen, wenn auch die Diskriminierung erfolgt ist. Das ist gefährlicher Unsinn sogar, wenn man so argumentiert, wie Frau S. hier. Gefährlich, weil sie Rassismus damit ermöglicht und am Leben erhält.

      Rassismus beginnt da und ist schon da verwerflich, wo Cluster gebildet werden, wo Menschen mit bestimmten Eigenschaften (meist durch Adjektive ausgedrückt) versehen werden und dann im nächsten Schritt alle diese Menschen, ohne Ansicht der einzelnen Person, also als Gruppe in ein bestimmtes Gruppenschema überführt werden. Mann, alt, weiß ist ein solches Gruppenschema und damit Rassismus, wenn dann eine Zuweisung einer weiteren Eigenschaft folgt, wie beispielsweise verantwortlich für dieses Desaster heute.

      Wird dann dieser Gruppe auch noch ein schlechtes oder falsches Verhalten unterstellt, so kann man sogar von Diskriminierung sprechen, weil der betroffene Mensch sie als Solche dann wahrnimmt. Hier würde ich dann Frau S. sogar Anmaßung unterstellen, denn ob ich mich dann diskriminiert fühle oder nicht, ist meine sinnliche Wahrnehmung und nicht ihre oder deine, Karl. Aber wie schon geschrieben, ist eine Diskriminierung, wie Frau S. sie fordert, gar nicht notwendig, um hier Rassismus festzustellen.

      Zur Klarstellung noch eines, aber wenn ich hier Rassismus unterstelle – und das tue ich zukünftig jedem, der diese Zusammenstellung von alt, weiß, Mann und Schuldzuweisung verwendet -, dann heißt das nicht, dass dieser Mensch dann für gleichzeitig ein Rassist ist. Er oder sie weiß nur nicht, wann Rassismus beginnt, eben weil solche Frauen wie Frau S. und auch viele Männer es anscheinend nicht wissen, und ihr Unwissen dann auch noch in die Welt hinausposaunen.

  3. Karl, ich werde mich nicht explizit mit diesem Artikel auseinander setzen. Das habe ich, glaube ich, schon einmal in der Vergangenheit gemacht. Ich lasse das jetzt mal so stehen. Soll jeder sich selbst eine Meinung bilden.

    Ich bleibe jedoch dabei, dass, wer Menschen in Gruppen teilt, mit Adjektiven versieht und dann dieser Gruppe ohne Ansicht der einzelnen Personen ein Verhalten oder eine Eigenschaft zuordnet, betreibt Rassismus. Alt, weiß, Männer und der Kontext der generellen Verantwortung dieser Gruppe ist demnach Rassismus.

    Es ist schade und traurig für mich zu sehen, dass so viele Menschen Rassismus gar nicht als Rassismus erkennen, wahrscheinlich auch nicht erkennen wollen. Aber es scheint nicht zu ändern zu sein, jedenfalls nicht von mir. Es ist vielleicht auch eine Frage der Zeit, dass es nicht zu ändern ist, denn mir scheint in dieser Zeit der Wunsch auf irgendetwas draufzuhauen wichtiger geworden zu sein, als sich der Zwischentöne bewusst zu werden. M.a.W. ohne Feindbilder scheint die Welt nicht zu ordnen zu sein, für viele jedenfalls, für mich nicht.

  4. Wenn alte weiße Männer alte weiße Männer kritisieren, kann es schon allein deswegen kein Rassismus sein, weil der Rassist seine eigenen Merkmale immer als hochwertiger ansieht als die des „anderen“, den er mit seinem Rassismus herabzustufen gedenkt.

    Man könnte sich also fragen, ob solche Verallgemeinerungen oder Vorurteile der Gruppe „alter weißer Mann“ gegenüber gerechtfertigt sind, eventuell sogar diffamierend sind, sie sind allerdings nicht rassistisch.

    Und da bin ich dann auch ganz bei Dir: Man sollte nicht von einer Gruppe auf jedes einzelne Gruppenmitglied schließen und dieses somit abwertend betrachten. Man kann aber durchaus vom Verhalten des Einzelnen auf dazu passende Merkmale, die in einer gesellschaftlichen Gruppe vorhanden sind, zu der dieser Einzelne zählt, verweisen. Und man kann auch auf typische Verhaltensmerkmale einer sozialen Gruppe verweisen, ohne damit jedes einzelne Gruppenmitglied einzuschließen.

    Sonst wären ja Aussagen wie „Die Berliner mit ihrer direkten Art“ oder „Die distanzierten Hamburger“ auch schon Rassismus. Was nicht der Fall ist, denn nicht jedes Stereotyp ist gleichzusetzen mit einer rassistischen Abwertung oder Diskriminierung.

  5. Der Schwarze, der den anderen Schwarzen als Nigger bezeichnet, ist ein Rassist, wenn er es tut – es sei denn er meint es ironisch und es ist zu erkennen, das er es ironisch meint.

    Wenn ich beispielsweise sage „die Politik wird überwiegend, oft sogar ausschließlich, von alten, weißen Männern gestaltet“, so ist das kein Rassismus, weil wahr, denn entsprechend sinnlich wahrnehmbar.

    Wenn ich aber sage – und das tun viel zu viele und die kritisiere ich – „Alte, weiße Männer sind verantwortlich für die Zustände der Welt“, so ist das Rassismus, weil Verantwortung schon jedem zugeschoben wird, der nur alt und nur weiß und nur ein Mann ist. Und diesen Rassismus werde ich auch weiterhin benennen.

    Sprache ist etwas Wunderbares, aber sie ist auch kompliziert und manchmal gefährlich, wie dieser oft rassistisch gebrauchte Terminus „alte, weiße Männer“ zeigt.

    Sprache ist auch entlarvend, entlarvt oft genug das Denken desjenigen, der sie benutzt. Deshalb ist es so wichtig, um nicht in ein falsches Licht zu kommen, genau darauf zu achten, was und wie man es sagt. Hinterher zu erklären, dass meinte ich anders, ist oft schwer und wir sehen ja auch, wie oft dieses Hinterhererklären auch missbraucht wird, gerade von der AfD. Auf dieses Niveau sich zu begeben, fällt mir jedenfalls im Traum nicht ein.

    Sprache ist auch ein Schwert und zwar ein sehr scharfes Schwert und deshalb sollte man immer auch ganz genau hinschauen, wer das Schwert benutzt und für welchen Zweck über den ersten Zweck hinaus. Gerade wenn aus der feministischen Ecke deshalb die generelle Schuldzuweisung an eine bestimmte Gruppe von Männern kommt, werde ich deshalb immer sehr hellhörig.

Schreibe einen Kommentar