Verdeckter und versteckter Rassismus

Um es mal deutlich zu sagen, aber der Rassismus in dieser Gesellschaft geht mir gewaltig auf den Senkel, nicht zuletzt der verdeckte und versteckte Rassismus, der mir täglich begegnet. Der darin seinen Ausdruck findet, dass Menschen zu Clustern zusammengefasst werden und dann über einen Kamm geschert werden, mit Adjektiven versehen in die eine oder andere Ecke gerückt werden, wie in meinen letzten Sonntagsgedanken beispielhaft beschrieben.

Ich bin alt, ich bin weiß, ich bin links, ich lebe derzeit vom Staat, weil ich zu alt schon bin, um noch gebraucht zu werden, und zu jung noch für die Rente, und ich habe nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei, aus Gründen.

Ich glaube an keinen Gott, auch weil ich keinen Herrscher über mir dulde, den ich nicht selbst mir wählen konnte, nur auf Zeit diesen dulde, wenn es ein anderer wird, als den den ich mir gewählt hätte, eben weil ich Demokrat bin.

Ich bin umweltbewusst, dennoch esse ich immer noch Fleisch, fahre Auto, habe auch einen Hund, der die Umwelt belastet, und mehr als nur ein Kind, und nicht zu vergessen, ich bin Wessi und dann auch noch – ich schäme mich nicht, es zuzugeben – ein heterosexueller Mann und habe deshalb auch keine Lust, mehr als nur Freundschaft mit meinen Geschlechtsgenossen zu teilen.

Auch bin ich verheiratet, nicht geschieden, lebe nicht das Leben in einer Patchwork-Familie oder eines Großstadtsingles – denn ja, wie schrecklich, aber ich lebe und liebe die Provinz -, sondern das eines ganz spießigen Bürgers, und zwar eines ohne Fahrrad, und dieses Leben nun sogar schon seit mehr als 30 Jahren und ich bin – wie unglaublich – glücklich und zufrieden damit.

Ich koche nicht, wasche nicht und bis auf den Müll runterzutragen und den Abwasch zu erledigen überlasse ich den Haushalt auch meiner Frau, kümmere mich dafür um die Finanzen. Ganz so eigentlich, wie es mein Vater schon tat, dieser „böse“ Patriarch, zumindest in den Augen vieler Emanzen. Auch er war übrigens weiß, nur alt ist er leider nicht geworden.

Ich bin sicherlich noch einiges anderes, wofür man mich in eine Schublade stecken kann und ausgrenzen kann, beschimpfen kann. Also dann mal los, lasst eurer Wut nur freien Lauf, frönt eurem Hobby. Irgendeinen Grund werdet ihr schon dafür finden, euren unterschwelligen Rassismus ausleben zu können. Ich bin sicher, dass, wer fündig werden will, auch fündig wird.

Oder vielleicht denkt ihr auch nur mal nach, überlegt euch, ob ihr überhaupt Cluster bilden müsst, um zu kritisieren, um anzuklagen, ob es nicht sinnvoller wäre, den Angeklagten direkt zu benennen, als ihn erst einer Gruppe zuzuordnen und dann nicht ihn allein, sondern die ganze Gruppe, das Cluster insgesamt anzuklagen.

Denken ist nicht so schwer, wenn auch manchmal anstrengend, aber immer lohnend, wie ich behaupte. Man muss nur einmal damit anfangen, dann klappt das schon, und Übung macht bekanntlich den Meister. Mir hat es jedenfalls gute Dienste geleistet, denn ja, auch ich habe mich hier schuldig gemacht und ja, auch ich habe hier immer wieder an mir und meiner Sprache zu arbeiten. Allerdings tue ich es und hoffe deshalb auch, dass es viele andere vielleicht nun auch tun werden.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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