Lesefähigkeiten und Textverständnis

Erschreckend und vieles zugleich erklärend: 20 % der 15-Jährigen in Deutschland können nicht sinnverstehend lesen, las ich gerade beim ZDF auf dem Heute-online-Medium. Der Ländermurks, der Parteienmurks in der Schulpolitik wird immer deutlicher, fällt deshalb nun auch den Medien und der Politik auf, besser gesagt, kann nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden, wie so lange geschehen.

Nebenbei bemerkt, der Wirtschaft hätte es längst auffallen müssen, denn woher sollen die Fachkräfte kommen, die nun beklagt werden, dass sie fehlen würden, wenn große Teile der Jugend mangels Sprachkenntnissen der eigenen Bevölkerung nicht ausgebildet werden können, und das nicht erst seit gestern. Eine scheinheilige Debatte, die deshalb in meinen Augen hier stattfindet, wenn die Wirtschaft über Fachkräftemangel klagt und gleichzeitig so große Teile der Jugend des Landes von einer Ausbildung durch mangelhafte Schulbildung ferngehalten wird, eben weil „die Wirtschaft“ und große Teile der Politik den Sozialstaat als Klotz am Bein empfinden – man denke an Altmaiers Forderung, eine Sozialstaatsquote ins Grundgesetz zu schreiben, beachte die Begründungen dazu – und nicht als das, was er eigentlich ist: die Voraussetzung für den Wohlstand in diesem Lande.

Was ich nicht las im Artikel des ZDF, aber auch nicht bei der Online-Ausgabe der Tagesschau, ist, dass das schon lange so zu sein scheint, weshalb auch so viele Erwachsene heutzutage den Sinn eines Textes nur schwer erfassen können. Mehr als einen Nebensatz vom Sinn her zu erfassen, wenn überhaupt einen, schon gar nicht wenn er eingeschoben ist, wenn er den Sinn des Satzes erweitert, nicht nur erklärt, sind doch viele Erwachsene auch nicht mehr in der Lage, sodass man sich durchaus bemühen sollte, in kurzen, knappen Sätzen, mit Punkt, aber nicht mit Komma, schon gar nicht mit Semikolon zu schreiben, will man auch verstanden werden und nicht, wie oft genug meine Erfahrung mir bestätigt, missverstanden oder, was zumeist der Fall ist, auf ein Attribut des Textes reduziert zu werden und damit der eigentliche Text vom Sinn entleert dann der Interpretation anheimfällt, was meist dann im Anschluss zu zeitraubenden und eigentlich unnötigen Diskussionen führt, welche die eigentlichen Aussagen des Textes dann oft genug der Nichtbeachtung und dann des Vergessens anheimfallen lassen – Zwinkersmilie. Was ich deshalb auch nicht las, war, dass die Quote sicherlich noch größer wird, wenn der Schwierigkeitsgrad des Textes zunimmt, nicht nur bei Schülern, sondern auch bei den vielen ehemaligen Schülern, die heute als Erwachsene in dieser komplizierten Welt zurechtkommen sollen und müssen.

Was ich auch nicht las, waren Vorschläge, diese Herausforderung wirklich anzunehmen, denn Tests in Kitas auf Sprachfähigkeit anzudenken und allein zu fordern, in Deutschland wieder eine „Kultur des Lesens“ zu schaffen, reicht da nicht aus. Frau K. von der Union, ihres Zeichens Bundesbildungsministerinnendarstellerin, mag ja bemüht sein, aber das reicht nicht, reicht bei Weitem nicht aus. Es erscheint mir auch kontraproduktiv und ein weiteres Ablenkungsmanöver zu sein, den Eltern, vor allem aber auch der Migration und damit den Migranten, den Schwarzen Peter zuspielen zu wollen, damit von einer völlig verfehlten Migrations- und Integrationspolitik auch ablenken zu wollen, vom eigenen Versagen ablenken zu wollen. Wobei sich mir bei solchen Äußerungen die Frage geradezu aufdrängt, ob es jemals wirklich eine „Kultur des Lesens“ in Deutschland gab, die flächendeckend und schichtenübergreifend gewesen wäre, weshalb es ja umso wichtiger in lange vergangenen Zeiten war, in der Schule Wert darauf zu legen, dass alle des Lesens und auch des Verstehens befähigt wurden, es einstiger Anspruch an die Schulbildung war und eigentlich immer noch sein sollte, aber wohl längst nicht mehr ist.

Die Schuld der Migration, den Migranten in die Schuhe zu schieben ist deshalb ebenso falsch, wie sie den Smartphones zuzuschreiben, legt nur Zeugnis über einen weiteren Rechtfertigungsversuch für eigene verfehlte Politik ab.

Die Kritik an der Digitalisierung und dass auch Kinder dieser Negativseite der Digitalisierung anheimfallen, ist der falsche Ansatz, wie ich schon vor mehr als 20 Jahren behauptete und, gemeinsam mit meiner Frau, bewiesen hatte. Meine Kinder sind beide mit Computern im Kinderzimmer aufgewachsen, hatten früh auch Zugang zum Netz, früh ein Mobiltelefon, elterliche Begleitung dabei und haben das Lesen dennoch gelernt, Bücher sogar lieben gelernt, verstehen sogar meine oft komplizierten Texte besser als so manch andereR, die/der im Kinderzimmer nur ökologisch und pädagogisch „sinnvolles“ Spielzeug hatte. Allerdings sahen sie auch, dass Mama und Papa lasen und lesen, und lernten früh damit, dass das Digitale nur eine Bereicherung des Lebens ist, wenn es als Mittel und nicht als Zweck verstanden wird, man Mittel immer geeignet einzusetzen hat und nicht, weil es irgendeine Mode gibt, irgendjemanden, der meint das Rad neu erfinden zu müssen.

Auch sahen wir nicht in der Erziehung eine Pflicht, sondern Auftrag und Freude an den Kindern, durch die Kinder. Auch hier scheint mir nämlich einiges im Argen zu liegen in großen Teilen der Bevölkerung, die Pflicht und Schuldigkeit immer mehr zur Moral erheben, dem BDM und der Hitlerjugend, den jungen Pionieren ähnlicher als moderner Pädagogik und einer liebevollen Sicht auf das Kind, wenn es nicht das eigene ist.

Auch diese Kritik an der Digitalisierung ist gerade deshalb scheinheilig. insbesondere die von Politikern, vor allem von denen aus den Ländern, ganz besonders von denen, die sich selbst Bildungspolitiker nennen, wenn sie gleichzeitig anstatt mit Büchern in den Schulen zukünftig mit dem Tablet Unterricht gestalten lassen wollen, das Haptische des Buches, der Bibliothek als ebenso überflüssig ansehen wie die Entwicklungszusammenhänge von Denken, Sprache und Handschrift. Dass sich der Lehrerberuf damit wandelt, einem Coach – dem industriellen Denken in Ausbildung – immer ähnlicher wird, dass man damit Bildung noch technokratischer macht und vom eigentlichen Anspruch an Bildung entfernt, sei nur mit erwähnt, weil es zeigt, dass es nicht um das Kind letztendlich mehr geht, sondern um einen Output an Menschen, die verwertbar für Wirtschaft und Gesellschaft sind, mit allen auch negativen Folgen, die wir hier beobachten können.

Ja, wir brauchen hier dringend Veränderungen, auch an den Schulen, auch digitale Veränderungen. Besonders aber brauchen wir gesellschaftliche Veränderungen, weg von einem Denken im Kinde als zukünftigem Produktionsfaktor und zukünftigem Beitrags- und Steuerzahler. Hin zu einem Denken, dass das Kind die Zukunft ist, nicht nur die der Alten und der Wirtschaft, sondern auch die der Gesellschaft, des späteren Erwachsenen, insbesondere der Demokratie. Denn wie sollen die heutigen Schüler im Morgen die Demokratie gestalten können, wenn sie mehr als einfache Texte und damit einfache „Wahrheiten“ nicht mehr verstehen können, wenn sie überhaupt noch lesen können?

Was wir deshalb unbedingt brauchen, dass sind Politiker mit Ideen und nicht weiterhin solche, die hinter längst falsifizierten und/oder gesellschaftsschädlichen Gedankenmodellen herlaufen, nicht nur beim Thema Schulbildung. Was wir brauchen, ist Bildung, an den Schulen, in der Gesellschaft und in der Politik. In der Politik vermisse ich sie derzeit am meisten.

print

Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

Schreibe einen Kommentar