Buddhisten sind die schlechteren Menschen

In der westlichen Welt erfreut sich der Buddhismus seit Jahrzehnten großer Beliebtheit. Gerade in der Mittelschicht und aus besser gestellten Haushalten sehen sich Leute gerne als Buddhisten, da sie den monotheistischen Religionen und ihren irdischen Institutionen wenig abgewinnen können. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass viele Kriege, Anschläge und Verbrechen in den letzten 2.000 Jahren im Namen dieser Religionen verübt worden sind. Die Vorstellung, den Irrsinn unserer Zeit mit größerer Gelassenheit und Gleichmut entgegenzutreten, ist da ein verlockender Weg, und auch der Wellnessanstrich und die Kommerzialisierung durch entsprechende Produkte sprechen Menschen an, die sich diesen „Balsam für die eigene Seele“ leisten können. Aber warum macht sie das aus meiner Sicht zu schlechteren Menschen?

Damit ist natürlich nicht gemeint, dass sie im Sinne von Straftaten oder brutalem Verhalten „schlecht“ sind. Es geht mir darum, dass zutiefst menschliche Eigenschaften aus moralischen Vorstellungen heraus abgelehnt oder sogar verpönt sind und egoistische Eigenschaften als förderlich erachtet werden. Eine der Kerneigenschaften ist der Gleichmut: „Du wirst ruhiger. Entspannter. Effektiver in allem, was du tust. Du gewinnst innere Stärke, die dich gegen das schützt, was die Leute sagen oder tun. Und du bist fähig, auch schwierige Momente und Situationen zu meistern.“ Ja, das entspricht dem egoistischen Zeitgeist: effektiv sein und sich bestmöglich vor seinen Mitmenschen schützen. Das erinnert mich als Erstes an die voranschreitende Entwicklungen der künstlichen Intelligenz! Die soll effektiv sein (sich ökonomisch maximal ausschlachten lassen) und das ohne Knurren und Murren erledigen, wofür sie erschaffen wurde. Aber menschlich klingt das für mich nicht.

Aber was macht uns zu Menschen? Sind es nicht die Gefühle und Dinge, die eben nicht optimiert und maximiert werden: Liebe, Angst, Wut, aber auch vermeintlich unnötige Regungen die immer im gesellschaftlichen Kontext passieren, wie die Kunst, Musik oder auch Kampf und Krieg (was wir gerne hinter uns lassen würden, was aber in der Menschheitsgeschichte eine Konstante ist)? Wenn Erleuchtung mit der Befreiung von menschlichen Einschränkungen und scheinbaren Unzulänglichkeiten einhergeht, wie kann es uns dieser Weg zu besseren Menschen machen?

Eine besondere Stilblüte sind die Buddhistischen Zentren hier in Hamburg, von denen ich immer wieder Sonderliches höre. So suchen sich die Besucher der Buddhistischen Zentren die Lehren heraus, die am besten zu ihrem angestrebten Selbstbild passen: Obgleich ich mehrere Nichtvegetarier, die sich selbst als Buddhisten bezeichnen, kennengelernt habe, so ist deren Einstellung zum Tierschutz meistens doch eher positiv (vor allem die eigenen Haustiere sind vermenschlicht, das Essen auf dem Teller aber nicht). Es wird dort teilweise auch Alkohol getrunken, und zuletzt hörte ich von zwei unabhängigen Quellen, dass der Leiter eines dieser Zentren dort schon diverse Liebschaften unter den Besucherinnen hinter sich gebracht hat (aus meiner Wahrnehmung nicht verwerflich, aber wenig im Einklang mit dem buddhistischen Vorbild). Meine Bekanntschaften aus diesen Zentren waren meistens wirklich nette Menschen, die aber doch eher egoistische Verhaltensweisen ihrer Umwelt außerhalb dieser Zentren gegenüber an den Tag gelegt haben (was kein ungeschriebenes Gesetzt darstellt, sondern lediglich meine Erfahrung im nicht durchweg repräsentativen Hamburger Raum und wissentlich auf zwei dieser Zentren beschränkt ist).

Am Ende sollte natürlich jeder selbst sehen, was ihn oder sie in der eigenen Entwicklung weiterbringt, was man aus Religionen und Lebenserfahrungen für sich ziehen kann und was auch einfach ein netter Zeitvertreib ist. Das höchste Gut den Menschen ist aus meiner Sicht der Mensch selbst, und damit meine ich in erster Linie den Mitmenschen und nicht das Ego. So ist der Ausspruch: „Wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist an alle gedacht“ an Zynismus kaum zu übertreffen. Im Gegenteil: Je besser es meinem Umfeld geht, desto besser geht es auch mir. Und zum Leben gehören (vermeintlich) negative Erfahrungen genauso wie die (vermeintlich) positiven, sind sogar unverzichtbar für eine soziale Integration und empathisches Miteinander. Und dieses empathische Miteinander kann man im Idealfall dann auch auf alles ausdehnen, um entsprechend einfühlsam und geduldig mit der Umwelt und allem Leben umgehen zu lernen. Und damit schließt sich dann auch wieder der Bezug zum eigentlich lebensbejahenden Buddhismus.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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