Die Toten in Deutschland im Jahr 2020

Auf der Facebook-Seite vom ZDF wurde kürzlich eine Grafik veröffentlicht, die darstellt, wie sich die Zahl der in Deutschland Verstorbenen 2020 im Vergleich zum Durchschnittswert der Jahre 2016 bis 2019 verhält. Und daraus ergeben sich für mich dann schon einige Fragen, denn so einfach, wie es zunächst mal aufgrund von Covid-19 zu sein scheint, ist es nämlich m. E. nicht.

Doch zunächst mal die Grafik:

Wenig überraschend liegt der Wert ein ganzes Stück über dem des Durchschnitts der Vorjahre, was wohl vor allem mit der zweiten Welle der Covid-19-Infektionen zusammenhängt, wie man auf dem Verlauf des Grafen ziemlich deutlich sehen kann.

Nun finde ich aber vor allem interessant, was das ZDF zu dieser Grafik als Einleitungstext schreibt:

2020 sind in Deutschland 972.155 Menschen gestorben, davon 35.415 im Zusammenhang mit Covid-19. Im Vergleich zum Durchschnitt der Vorjahre sind das fast 41.000 Todesfälle mehr.

Es ergibt sich nämlich ein Plus an Verstorben von etwa 5.500 im Vergleich zu den Vorjahren, wenn man die an und mit Covid-19 Verstorbenen mal außen vor lässt. Das mag nun erst mal nicht so richtig viel anmuten und kann vielleicht unter die normale statistische Abweichung fallen, allerdings sollte man noch ein paar Dinge bedenken:

Viele von den an und mit Covid-19 Verstorbenen waren schon recht alt und hatten oft auch schwerwiegende Vorerkrankungen. Es stellt sich also die Frage, wie viele dieser Menschen auch ohne Covid-19 im vergangenen Jahr gestorben wären. Zudem sind ja auch etliche Menschen nicht an, sondern mit Covid-19 verstorben (s. dazu hier), sodass auch diesbezüglich zu hinterfragen wäre, wie viele davon auch ohne die Covid-19-Infektion im vergangenen Jahr gestorben wären.

Und dann wäre es auch interessant zu wissen, wie sich die Lockdowns auf die Anzahl der Toten ausgewirkt haben, weil beispielsweise weniger Menschen im Straßenverkehr unterwegs waren (und demzufolge auch weniger dort ums Leben kamen) und zumindest kurzzeitige Luftverbesserungen eingetreten sind (an Luftverschmutzung sterben immerhin auch sehr viele Leute, geschätzt etwa 80.000 jedes Jahr in Deutschland). Dazu haben ich mir im Juli ja schon mal in einem Artikel ein paar Gedanken gemacht, und da könnten durchaus einige Tausend Menschen zusammenkommen. Und auch die Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens könnten dazu geführt haben, dass weniger Menschen an Infektionskrankheiten gestorben sind, als das in vorhergehenden Jahren der Fall gewesen ist.

Dabei geht es mir nun keineswegs darum, die Gefahr von Covid-19 herunterzuspielen, denn viel zu viele Menschen sind dieser gefährlichen Krankheit zum Opfer gefallen. Ich fände es nur sinnvoll, mal genauer zu betrachten, wie viele der sich in der Übersterblichkeit des vergangenen Jahres widerspiegelnden Menschen nun nicht auf Covid-19, sondern auf die Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Krankheit zurückzuführen sind. Und auf die Angst, die viele Menschen vor einer Infektion haben, sodass sie u. U. eigentlich notwendige Arztbesuche nicht gemacht und Krankenhausaufenthalte aufgeschoben haben, die ihnen sonst das Leben hätten retten können.

Wie oben schon gesagt, ergibt sich ohnehin schon ein „Überhang“ von etwa 5.500 Toten, bei dem zurzeit nicht so richtig klar ist, wo er herrührt. Wenn man dann noch die oben genannten Faktoren berücksichtigt, dass also andere Todesursachen deutlich zurückgegangen sein könnten, beispielsweise „normale“ Grippe, multiresistente Keime oder auf Luftverschmutzung zurückzuführende Erkrankungen, dann müsste doch eigentlich die Übersterblichkeit ein Stück weit niedriger sein als die Anzahl der Covid-19-Toten. Ist sie aber nicht, sie liegt eben drüber.

Für mich drängt sich da eine Vermutung auf: Diese von der Covid-19-Infektion unabhängige Übersterblichkeit könnte mit den Lockdown-Maßnahmen zusammenhängen.

Über die „Kollateralschäden“, die durch die Lockdowns entstehen, habe ich mir ja schon vor ein paar Wochen in einem Artikel ein paar Gedanken gemacht, und auch Christoph Kuhbandner hat in einem Artikel auf Telepolis genau dieses Thema angesprochen (als einer der wenigen, denn dazu findet sich sonst nicht allzu viel in der deutschen Medienlandschaft). Nun liegen also Zahlen dazu vor, welche die Vermutung nahelegen, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Todesopfern im vergangenen Jahr auf das Krisenmanagement der Bundesregierung zurückzuführen ist. Und auf die damit einhergehende Panikmache vor allem auch in den öffentlich-rechtlichen Medien (s. dazu hier).

Eine differenzierte Erhebung der entsprechenden Zahlen wäre da also schon geboten, finde ich.

Und dann müsste vor diesem Hintergrund m. E. nun auch mal dringend beurteilt werden, ob ein Lockdown als hauptsächliche Maßnahme zur Pandemiebekämpfung überhaupt geeignet ist, da dieser ja nun vor allem diejenigen betrifft, die eher selten schwere Covid-19-Verläufe haben, während in den Senioren- und Pflegeheimen nach wie vor en masse gestorben wird. Jens Berger hat dieses paradoxe Vorgehen kürzlich in einem Artikel auf den NachDenkSeiten ausführlich kritisiert. Und auch von wissenschaftlicher Seite, beispielsweise durch den Epidemiologen Klaus Stöhr in einem Interview mit dem Tagesspiegel, kommt Kritik am derzeitigen Kurs, die Pandemie ausschließlich mit einem Lockdown in den Griffe bekommen zu wollen.

Zwei weitere interessante Aspekte klingen in dem Stöhr-Interview auch mit an: Zum einen wäre da, dass sich die Bundesregierung nicht interdisziplinär von Wissenschaftlern beraten lässt, sondern sehr eindimensional (und zudem noch vor allem von Personen, die ohnehin auf der Regierungslinie liegen, wie Lydia Rosenfelder in einem Kommentar auf Spiegel Online kürzlich feststellte), denn auch Psychologen, Soziologen und Kommunikationswissenschaftler könnten sich als sehr nützliche Impulsgeber erweisen, um eine wirkungsvolle Strategie zur Eindämmung der Pandemie und deren Umsetzung zu entwickeln. Zum anderen, dass es wenig sinnvoll ist, immer nur auf einzelne Werte zu schauen und daraus dann eine generelle Handlung abzuleiten.

Denn genau das wird immer wieder gemacht: Es werden bestimmte Zahlenparameter benutzt, um Maßnahmen zu begründen, die dann oftmals viel zu generalisierend sind, um wirklich effektiv zu sein. Dass mit den Zahlen zudem teilweise nicht sauber und transparent kommuniziert wird, hat Christoph Kuhbandner in seinem oben schon mal verlinkten Artikel aufgezeigt. Dass dann aber auch starre und teilweise willkürliche Werte herangezogen werden, führt zum einen zu wenig effektiver Eindämmung der Pandemie und zum anderen zu Verdruss und Vertrauensverlust in der Bevölkerung – und letztlich dann auch zu immer größeren Kollateralschäden.

Durch die Lockdowns werden zahlreiche Existenzen zerstört, psychische Erkrankungen treten gehäuft und verstärkt auf, gerade auch bei Kindern, denen zudem oft genug, gerade wenn sie auf sozial benachteiligten Familien kommen, Bildungschancen verbaut werden, und dann sind vor allem diejenigen, die eh schon wenig oder nicht genug haben, am stärksten davon betroffen. Das ist mittlerweile alles belegt. Sollte nun auch noch hinzukommen, dass die Lockdown-Maßnahmen eine große Zahl an Menschenleben gefordert haben*, dann wird es endgültig zum Skandal, dass sie das hauptsächliche Mittel der Anti-Corona-Strategie der Bundesregierung sind.

Und genau danach sieht es ja aus, wenn man sich die vom ZDF veröffentlichten Zahlen anschaut.

 

 

* Man könnte nun auf die Idee kommen, zu argumentieren, dass ja einerseits vermutlich Menschen aufgrund der Lockdowns gestorben sind, aber auf der anderen Seite ja auch deswegen weniger Menschen ums Leben gekommen sind, wie ich ich ja weiter oben dargelegt habe. Das wäre allerdings m. E. nicht sehr sinnvoll, denn dass Menschen in Deutschland aufgrund von schlechter Luft und multiresistenten Keimen sterben, ist ja auf politische Entscheidungen zum Schaden der Allgemeinheit zurückzuführen, genauso wie die Zahl der Verkehrstoten durch politische Maßnahmen wie ein Tempolimit auf Autobahnen nachhaltiger gesenkt werden könnte, als wenn sich das quasi als Nebeneffekt eines Lockdowns einstellt. Politisches Versagen in einem Bereich sollte nicht durch politisches Versagen in einem anderen wettgemacht werden, finde ich, denn das ist dann keine konstruktive Politik mehr, sondern ein Herumdoktern mit selbst verursachten Mängeln.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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