Der Markt regelt das: Marmetube

Umwelt- und Klimaschutz sind ja eigentlich in aller Munde, und viele Menschen machen sich ernsthafte Gedanken darüber, wie sie denn ihren Lebensstil nachhaltiger gestalten könnten. Klar, vieles kann der Einzelne nicht ändern, da müssten dann Gesetze her – vor allem wenn man sieht, wie „der Markt“, der ja laut neoliberalen Plaudertaschen angeblich alles regeln soll, mit dem Thema umgeht. Ein bezeichnendes Beispiel dafür: Marmetube.

Wer nun mit dem Begriff Marmetube nichts anfangen kann (so wie es mir auch noch vor Kurzem ging): Das ist Marmelade aus der Tube. Ich bin darüber neulich zufällig bei einem Facebook-Freund, der folgendes Bild gepostet hat, gestolpert:

Und dann wird das Ganze auf der Website des Unternehmens auch noch als besonders nachhaltig beworben. Die Aluminiumtube sei besonders gut recycelbar, zudem besteht sie zu 100 % aus recyceltem Aluminium, sie ist leichter als Gläser, sodass beim Transport weniger Emissionen anfallen, und der Inhalt würde länger halten, sodass weniger Lebensmittel weggeschmissen würden.

Klingt ja erst mal plausibel – wenn man sich denn nicht die Frage stellt, wann einem Marmelade das letzte Mal verschimmelt ist. Das Zeug ist ja schon aufgrund des hohen Zuckergehalts ziemlich lange haltbar. Und wenn man davon ausgeht, dass die leeren Tuben dann auch alle schöne recycelt werden. Meine Erfahrung ist da ja, dass viele immer noch nicht den Müll trennen, sondern einfach alles in eine Tonne kloppen. Na ja, und dass der Plastikmüll nicht komplett hier in Deutschland recycelt wird, sondern ins Ausland, oft nach Ostasien, exportiert und dort einfach in die Umwelt gekübelt wird, ist ja auch kein Geheimnis. Wie mag es da mit dem auf dem gleichen Weg über den gelben Sack entsorgten Aluminium aussehen? Keine Ahnung …

Und dann ergibt diese propagierte Nachhaltigkeit auch nur dann einen Sinn, wenn man die Aluminiumtuben nun ausschließlich mit den zurzeit im Lebensmitteleinzelhandel verbreiteten Einweggläsern vergleicht. Daran zeigt sich dann eben auch die Fantasielosigkeit der Marketingdenkweise: Die Idee, dass ein umfassendes Pfandsystem, auch für Marmeladengläser, noch mal deutlich nachhaltiger wäre als Aluminiumtuben, scheint da niemandem gekommen zu sein.

Wer auf dem Lande unterwegs ist, kennt das bestimmt: die „Marmelädchen“. Da stellen Menschen vor ihrem Grundstück einen Schrank oder Ähnliches auf, in dem sie dann Marmelade (und manchmal auch anderes Zeug) zum Verkauf anbieten. Bezahlt wird in eine Kasse, und auf dem Dorf funktioniert so ein auf Vertrauen basierender Geschäftsvorgang in der Regel auch noch. Meistens findet man dort dann auch die Bitte, die geleerten Gläser doch nicht wegzuschmeißen, sondern wieder dort abzugeben, damit sie erneut verwendet werden können.

Das kennt ja auch jeder, der schon mal selbst Marmelade gekocht hat. Da finden dann alle möglichen Gläser, nachdem sie eine Runde im Geschirrspüler gedreht haben, wieder Verwendung.

Ist also alles keine Magie oder was ganz Neues, zumal es in Deutschland ja für Getränkeflaschen auch schon mal ein wunderbares Pfandsystem gab – bevor Coca Cola und Co. immer mehr auf Einwegplastik gesetzt haben aus Kostengründen. Und bevor viele Getränkehersteller ihre Flaschen so gestaltet haben, teilweise mit eingeprägtem Namen, Logo oder Ähnlichem, dass sie nicht überall abgegeben und mit anderen Pfandflaschen zusammengepackt werden können.

Und auch in Reformhäusern finden sich immer mehr Produkte, die in Pfandgläsern verkauft werde: Quark, Kaffeebohnen, Linsen – also durchaus sehr unterschiedliche Produkte. Mal von den sich auch langsam immer mehr verbreitenden Unverpacktläden ganz abgesehen.

Es sind also genügend Ideen da, wie man tatsächlich Müll reduzieren kann, und diese werden auch schon (leider bisher nur in Nischen) umgesetzt. Was fehlt: ein gesetzlicher Rahmen, der Pfandsysteme für alle Produkte, wo dies möglich wäre (und das dürfte wirklich fast alles für den täglichen Bedarf sein), verpflichtend zu machen.

Gut, die Verpackungsindustrie wäre da vermutlich nicht so richtig erfreut drüber, und ich gehe mal davon aus, dass dieser Wirtschaftszweig mit immerhin über 17 Milliarden Euro Umsatz nur im Inland (s. hier) dann das machen würde, was solche Wirtschaftszweige immer machen, wenn es daran ginge, ihre Profite zu schmälern: lobbyieren, bestechen, Posten anbieten, Medienkampagnen starten usw. Und wie Politiker (je weiter rechts, desto stärker) auf so was reagieren, wissen wir ja leider auch zur Genüge …

Und natürlich würden auch haufenweise Bullshit-Jobs im Marketing und Design wegfallen, deren Aufgabe nur darin besteht, ständig neu aussehende Verpackungen zu entwickeln und diese dann mit großem Getöse anzupreisen als den neusten heißen Scheiß. Wobei ich das nun auch nur sehr bedingt schade fände …

Ich höre bei solchen Ideen schon wieder die „Dann sieht das aber alles langweilig und so ähnlich aus“-Fraktion grölen, aber mal ernsthaft: Wer seinen Spaß daraus zieht, dass jede Firma ihre Artikel in einer anders geformten Verpackung anbietet, der sollte sich vielleicht mal ein bisschen ernsthafte Gedanken darüber machen, ob es nicht noch andere Dinge gibt, mit denen man sich vergnügen kann.

Statt nun also mal ein bisschen Druck auf die Politik auszuüben von Unternehmensseite und eben genau die Einführung eines umfassenden Pfandsystems zu forcieren, werden dann lieber teilweise abstruse Gründe angeführt, um Marmelade statt im Glas in einer Tube anzubieten. Und das wird dann auch noch als besonders nachhaltig beworben, weil diese Form des Greenwashings ja zurzeit besonders chic ist. Zumal auf diese Weise so etwas wie Klimaneutralität auch mit Sicherheit nicht zu erreichen sein wird (s. dazu hier).

Wer also wirklich meint, dass „der Markt“ mit irgendwelchen tollen Innovationen den klimakatastrophalen Karren schon irgendwie aus dem Dreck ziehen wird, der kann sich dann auch schön Marmelade aus der Tube kaufen und ganz fest daran glauben, so die Welt zu retten. Ist ja auch bequemer als so ein Pfandsystem, bei dem man die Gläser dann immer wieder zurückbringen muss.

Wer sich diese rosarote Brille allerdings nicht aufsetzen mag und stattdessen lieber mal das Gehirn einschaltet, der dürfte ob solchen Marketings eher in Dauerkopfschütteln verfallen …

Und so wird dann das so wichtige Thema Nachhaltigkeit zunehmend zu einer Werbemasche und der Begriff entkernt, seiner Relevanz beraubt und beliebig. Eine fatale Entwicklung, wenn man bedenkt, dass letztlich nur ein nachhaltiges Wirtschaften überhaupt noch in der Lage sein dürfte, die schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe abzumildern.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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