Das Ministerium für Wahrheit

Im Roman „1984“ von George Orwell gibt es ein sogenanntes Ministerium für Wahrheit, was dafür sorgt, dass alle historischen Aufzeichnungen so geändert werden, dass sie das Handeln der Regierung als richtig und gerechtfertigt darstellen. Ein Erlebnis auf Facebook erinnert mich sehr an dieses Vorgehen – nur dass keine vergangenen, sondern aktuelle Aussagen entsprechend revidiert oder eben unterdrückt werden, wenn sie nicht zu einem bestimmten Narrativ passen.

Ich betreibe bei Facebook eine politische Diskussionsgruppe mit mittlerweile gut 1800 Mitgliedern. Diese können dort Beiträge posten, kommentieren und diskutieren, wobei wir als Administratoren schon darauf achten, dass dort keine rechte Hetze eine Plattform findet oder Menschenverachtendes gepostet wird.

Neulich hat dann ein User einen offenen Brief des ARD-Mitarbeiters Ole Skambraks dort verlinkt, in dem dieser die Einseitigkeit der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien zur Corona-Pandemie kritisiert und darstellt, warum das für ihn nicht mit dem eigentlichen Auftrag öffentlich-rechtlicher Medien zusammenpasst. Dabei stellt er einige Fragen in den Raum und liefert auch etliche Links als Belege.

Ich will mich nun gar nicht inhaltlich zu diesem offenen Brief äußern, denn zu einigen der dort genannten Punkte kann man mit Sicherheit geteilter Meinung sein. Aber das ist ja eben auch der Sinn von Diskussionen, die wenig fruchtbar sind, wenn alle ohnehin die gleichen Ansichten teilen.

Es wäre also sinnvoll, mit Aussagen wie „Da habe ich andere Zahlen gefunden“, „Die genannte Quelle greift auf eine falsche Aussage zurück“ oder „Hier findet sich eine dazu abweichende Meinung“ darauf zu reagieren, wenn man denn die Aussagen von Skambraks nicht teilt. Stattdessen geschieht dann allerdings Folgendes:

Und damit wird dann auch gleich, wohl eher unfreiwillig, eine der Kernaussagen von Skambraks in seinem offenen Brief bestätigt:

Was gerade stattfindet, ist kein aufrichtiger Kampf gegen „fake news“. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass jegliche Informationen, Beweise oder Diskussionen, die im Gegensatz zum offiziellen Narrativ stehen, unterbunden werden.

Dass Facebook bei der Klassifizierung, was nun Fake News sind oder was in irgendeiner Form gegen die Gemeinschaftsstandards verstößt, nicht gerade sehr transparent vorgeht, habe ich ja vor ein paar Monaten schon mal in einem Artikel beschrieben und kritisiert. Genauso wie die Folgen, die solche auch in dieser Mitteilung formulierten Androhungen für nicht professionell betriebene Seiten und Gruppen haben: Es wird eine sogenannte Schere im Kopf implementiert, sodass eher mal Beiträge abgelehnt werden, die man auf die Schnelle nicht genau überprüfen kann. Wer will denn schon gern in massiv in seiner Reichweite beschnitten werden und damit seine User nicht mehr erreichen?

Und das ist m. E. besonders fatal und auch doppelzüngig, wenn es um wissenschaftliche Sachverhalte geht. Wissenschaft ist schließlich meistens ein Prozess, bei dem sich das, was als Tatsache gilt, beständig ändert. Zumindest wurde genau dies ja immer gern als Argument herangezogen, um beispielsweise Falschaussagen von Christian Drosten zu rechtfertigen, wie ich vor knapp einem Jahr schon mal in einem Artikel beschrieben habe. Ich zitiere da noch mal die „Entschuldigung“, die auf der von mir sonst sehr geschätzten Seite Mimikama in einem Artikel dazu angeführt wurde:

Wissenschaft ist keine Religion, es gibt nur sehr wenige Dogmen. Wissenschaft ist kein Glauben, sondern Wissen, deswegen Wissenschaft. Und Wissen ändert sich je nach Erkenntnisstand.

Zum damaligen Zeitpunkt wusste man weitaus weniger über das neue Coronavirus als heute, heute weiß man jedoch, dass Schutzmasken wirksam sind.

Warum werden nun also diese Maßstäbe nicht angewendet bei dem offenen Brief von Ole Skambraks? Da werden nun seine immerhin auch mit Quellen belegten Ausführungen schlichtweg als falsch klassifiziert – auf einmal scheint es da also unumstößliche Tatsachen zu geben in der Wissenschaft – oder eben „Dogmen“ und „Glauben“, um mal bei der Mimikama-Begrifflichkeit zu bleiben.

Noch mal der Hinweis: Für diese Überlegungen muss man die Aussagen und Mutmaßungen von Skambraks nicht teilen. Nur wenn man diese für nicht zutreffend hält, dann sollte man sie eben in einem Diskurs widerlegen, anstatt sie einfach nur als Falschinformationen zu brandmarken und damit letzten Endes zu zensieren. Zumal ja auch schon die Literatur- und Medienwissenschaftler Martin Hennig und Dennis Gräf ARD und ZDF vor über einem Jahr als Ergebnis einer Studie eine durchaus vorhandene Einseitigkeit in der Corona-Berichterstattung attestierten (s. hier) und Lydia Rosenfelder der Bundesregierung in einem Kommentar auf Spiegel Online vorhielt, sich nur von solchen Wissenschaftlern beraten zu lassen, die den eigenen Kurs unterstützen würden.

Das deckt sich ja nun beides durchaus auch mit den Vorwürfen von Ole Skambraks – oder lässt diese zumindest nicht als vollkommen absurd oder an den Haaren herbeigezogen erscheinen.

Und was noch dazukommt: So ein offener Brief, der unter dem eigenen Namen veröffentlich wird, ist ja nun schon eindeutig als subjektive Äußerung einer Person zu erkennen. Wenn so etwas dann aufgrund von etwaigen Falschbehauptungen zensiert wird, dann könnte man genau das auch bei einem Großteil von namentlich verfassten Kommentaren in vielen Medien so machen. Diese zeichnen sich ja gerade durch die subjektive Betrachtung eines Sachverhalts aus und bringen so auch Aspekte in den Diskurs ein, die von anderen als strittig, unzutreffend oder eben falsch angesehen werden.

Es wird also von irgendwelchen Faktencheckern bestimmt, was richtig und was falsch ist, ohne das hinreichend an Ort und Stelle zu diskutieren. Ich empfinde das zumindest als unangemessene Bevormundung, da die Internet-User so davon abgehalten werden, sich durch den Vergleich von Pro und Kontra selbst ein Bild von einem Sachverhalt zu machen.

Und darüber hinaus finde ich das in hohem Maße bedenklich, weil es dann doch sehr, sehr nahe an Orwells Ministerium der Wahrheit dran ist …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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