Drosten und die Freiheit

Christian Drosten ist ja eine der Personen, die dieses Jahr sehr viel Gehör finden. Klar, als Virologe ist er natürlich auch mit dem zentralen Thema Corona auch schon mittendrin im medialen Interesse. Wenn er sich nun allerdings politisch äußert, dann wird’s echt ziemlich schräg, wie ich finde. Oder aber er übertreibt seine regierungstreue und unkritische Haltung in großem Stil. In jedem Fall hat mich kürzlich eine Aussage von ihm schon recht fassungslos gemacht.

Da hat Drosten nämlich bei einer Rede zum Geburtstag von Friedrich Schiller einen Satz rausgehauen (der dann sogar von SWR Aktuell in Form eines Memes präsentiert wurde), der erst mal gar nicht so wild klingt, beim näheren Betrachten hingegen schon ein erschreckendes Politikverständnis offenbart:

Zunächst mal dachte ich mir: geile Sache, erst werden die Menschen seit Jahrzehnten zu Egoisten dressiert (ich denke da nur an Thatchers „There is no such thing as society“ oder neoliberale Dogmen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und „Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht“) durch die Neoliberalen, und wenn sie sich dann egoistisch verhalten (s. hier und hier), dann kommen genau diejenigen, die dieses Verhalten protegiert haben, daher und sagen: „Oh, jetzt müssen wir Euch leider die Grundrechte einschränken!“ Und Drosten scheint entweder dieses Kausalität komplett auszublenden oder aber das so schon recht o. k. zu finden.

Vor allem weil „unbedacht“ und „egoistisch“ ja auch so glasklar abgrenzbare und eindeutige Kategorien sind (*ironiemodusaus). Mit seiner Aussage legitimiert Drosten jede Art von despotischer Freiheitseinschränkung. Die Nazis haben „Volksschädlinge“ nämlich mit Sicherheit auch als unbedacht und egoistisch (da sie ihrer Ansicht nach dem Rest der Bevölkerung schaden, auch wenn das ja nun nicht der Fall war) angesehen, deren Freiheit man dann eben beschränken musste.

Das ist genau die Denkweise, auf der jedes totalitäre System basiert: Wer nicht im Sinne des Allgemeinwillens handelt (der natürlich recht willkürlich festgelegt werden kann), der muss sanktioniert werden. Vor dem Hintergrund, dass gerade nicht nur Grundrechte eingeschränkt und die Gewaltenteilung regelmäßig von der Regierung als Exekutive übergangen wird, sondern eben auch tatsächlich der Überwachungsstaat massiv ausgebaut wird (s. hier), ist das also eine höchst bedenkliche Aussage.

Und dabei hat doch Drosten oft genug betont, dass er sich nicht politisch äußern würde, sondern eben nur zu Dingen seines Fachgebiets. Tja, hätte er sich da mal dran gehalten …

Bitte nicht falsch verstehen: Ich halte Egoismus und Unbedachtheit nicht für gute Sachen, und wenn sie zum Schaden von anderen führen, dann sollte das auch sanktioniert werden. Das Problem dabei: Das wird es allzu oft nicht. Zum Beispiel bei den Cum-Ex-Verbrechen – Gier ist ja nun eine der Königsdisziplinen des Egoismus.

Und da muss man gar nicht in so abgehobene Sphären der skrupellosen Kriminalität der Vermögenden abdriften, denn wenn es darum ginge, dass Unbedachtheit und Egoismus nicht anderen Menschen schaden sollten, dann dürfte es ja beispielsweise auch keine Autos geben. Nicht nur die meisten Verkehrstoten gehen auf deren Kappe, sondern sie tragen auch zur Luftverschmutzung bei sowie zum Klimawandel – alles aufgrund des egoistischen Bedürfnisses nach bequemer und schneller Mobilität.

Oder wie sieht es mit dem egoistischen Bedürfnis nach billiger (und damit auch schmutziger) Energie aus? Oder mit dem egoistischen Bedürfnis nach billigen Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Klamotten? Gerade aktuell sieht man ja beim Hickhack um das geplante Lieferkettengesetz, wie wenig hier daran gedacht wird, die Freiheit derjenigen einzuschränken, die aus egoistischen Motiven vom Leid anderer profitieren.

Egoismus wird also im Grunde oftmals nicht bestraft, wenn man ihn ganz gezielt sanktionieren könnte. Und nun bei Corona soll es also o. k. sein, die Grundrechte und die Freiheit aller massiv einzuschränken, weil sich einige egoistisch und unbedacht verhalten? Aha …

Vielleicht mag Drosten ja als Virologe was draufhaben, durch solche Aussagen disqualifiziert er sich aber als jemand, der irgendwas Konstruktives zum politischen Diskurs beitragen könnte. Wobei: Auch da sollte man mal vielleicht ein bisschen genauer hinschauen.

Zumindest bei der Schweinegrippe 2010 hat sich Drostens Prognose ja als vollkommen falsch und überzogen herausgestellt, wie Christian Kreiß in einem Artikel auf den NachDenkSeiten feststellt:

Drosten sagte im Mai 2010 zur Schweinegrippe, „es gebe eine drastische Zunahme der Erkrankungen in Süddeutschland. Er gehe davon aus, dass die Welle von Süden aus in einem Zeitraum von fünf bis sechs Wochen über Deutschland hinwegziehen werde. […] Drosten rief dringend dazu auf, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. ‚Bei der Erkrankung handelt es sich um eine schwerwiegende allgemeine Virusinfektion, die erheblich stärkere Nebenwirkungen zeitigt als sich irgendjemand vom schlimmsten Impfstoff vorstellen kann.’“

War dann ja irgendwie nicht ganz so. Wie viele Menschen sind damals in Deutschland an der Schweinegrippe gestorben? Was da überhaupt eine zweistellige Zahl? Na ja, die Pharmaindustrie hat’s gefreut, die haufenweise Impfdosen aus öffentlichen Kassen finanziert bekam, die dann später entsorgt werden mussten. Klasse, Herr Drosten, was für ein Expertise da aus Ihrer Einschätzung spricht!

Nach diesem Reinfall mit seinen Prognosen zur Schweinegrippe kommt es Drosten nun natürlich schon gelegen, wenn es einen dramatischen Corona-Verlauf gibt, da seine Reputation sonst schon ziemlich gelitten hätte und er als schlechter Prognostiker und Schwarzmaler dastehen würde. Damit zählt er zumindest auch zu den Profiteuren der Pandemie. Das muss nun nicht handlungsleitend für ihn sein, stellt aber zumindest schon mal einen Interessenkonflikt dar und könnte seine teils widersprüchlichen Aussagen und seine Lobhudelei für die Bundesregierung erklären.

Zudem habe ich in Bezug auf Drosten den Eindruck, dass nicht die Regierung der Wissenschaft folgt, sondern die Wissenschaft der Regierung. So war es ja beispielsweise beim Thema Masken: Es gab einen Engpass – Drosten sagt, Masken würden nichts nützen. Der Engpass wurde behoben – Drosten war auf einmal der Ansicht, Masken seien hilfreich bei der Eindämmung der Pandemie.

Was mich dabei besonders stutzig macht, ist, dass dann selbst eine von mir sonst sehr geschätzte Website wie Mimikama dabei mittut, Drostens Rumgeier zu legitimieren, indem im Artikel zu dem Thema dann behauptet wurde:

Wissenschaft ist keine Religion, es gibt nur sehr wenige Dogmen. Wissenschaft ist kein Glauben, sondern Wissen, deswegen Wissenschaft. Und Wissen ändert sich je nach Erkenntnisstand.

Zum damaligen Zeitpunkt wusste man weitaus weniger über das neue Coronavirus als heute, heute weiß man jedoch, dass Schutzmasken wirksam sind.

Echt jetzt? Es geht doch bei der Schutzfunktion von Masken gar nicht um die spezifischen Eigenschaften dieses neuen Coronavirus, sondern um die Infektionswege, und da war von Anfang an klar, dass es sich um eine Tröpfcheninfektion handelt. Tja, und da ist es nun mal keine komplett neue Erkenntnis, dass Gesichtsmasken da vor einer Ansteckung schützen können. Nicht umsonst tragen beispielsweise Chirurgen und Zahnärzte die Dinger bei der Arbeit. Und zumindest einem Schutzmaskenhersteller war schon Anfang Februar klar, dass solche Masken gebraucht würden und besser nicht zu dem Zeitpunkt noch exportiert werden sollten (s. hier). Dass der nun mehr Ahnung hat als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der diese Warnung einfach ignorierte, mag nicht überraschen, aber auch Drosten als Experte kommt da im Vergleich nicht so gut weg.

Und auch die Risikoanalyse des Bundestages „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ vom 3. Januar 2013 stellt fest, dass Schutzmasken hilfreich bei der Eindämmung der Pandemie sind. Sollte man da nicht meinen, dass sowohl ein Gesundheitsminister als auch derjenige, der mehr oder weniger zum alleinigen Topexperten hochstilisiert wird, das dann kennen sollten?

Aber klar: Wer selbst Mimikama auf seiner Seite hat, um die eigenen Fehleinschätzungen (oder aus politischen Aussagen bewusst verbreiteten Unwahrheiten) zu rechtfertigen, dem steht ein Aufstieg zur Koryphäe nicht mehr viel im Wege.

Ich finde hingegen: Wer nun wie Drosten mit solchen Aussagen die immer mehr offen zutage tretenden Tendenzen zum Totalitarismus des Neoliberalismus (s. hier) schönredet, der sollte sich zumindest nicht wundern, wenn man ihm unlautere Absichten unterstellt.

Wir befinden uns in der ersten umfassend globalen Krise des Anthropozäns, und die Korrumpiertheit und mangelnde Integrität unseres Führungspersonals aus Politik, Medien und nun auch Wissenschaft tritt hemmungs- und schonungslos zutage. Wäre ich religiös, würde ich sagen: Gott stehe uns bei!

 

In der ersten Version des Artikels schrieb ich, dass Drosten seine Aussage bei SWR Aktuell getätigt hätte. Das stimmte so nicht, die haben lediglich ein Meme aus diesem Satz aus seiner Rede zum Schiller-Geburtstag gemacht, sodass ich das entsprechend korrigiert habe.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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