Zwei Sachen gut finden, die eigentlich nicht vereinbar sind. Sich anders verhalten, als es den eigenen Überzeugungen entspricht. Bestimmte Tatsachen einfach ausblenden, weil sie nicht zur eigenen Weltsicht passen. Das findet sich gerade immer häufiger vor allem bei AfD-Politikern und -Jüngern sowie auch in der CDU und bei deren Anhang. Und dafür gibt es auch einen Begriff: kognitive Dissonanz.
Ein paar Beispiele:
Kinderschutz vs. Trump-Anhängerschaft
Zurzeit kommen ja immer mehr unappetitliche Details der Epstein-Files ans Licht, und es zeichnet sich immer klarer ab, dass US-Machthaber Donald Trump da ziemlich tief mit drinsteckte in dem Sumpf. Gut, das ist auch nicht verwunderlich, wenn man sieht, dass er sich ja schon mehrmals vor Gericht verantworten musste wegen Sexualstraftaten. Und dass Rechte bis Rechtsradikale oft eine Vorliebe für Machtsex mit Minderjährigen haben, ist auch nichts ganz Neues.
Tja, nun geriert sich die AfD ja immer gern als Kinderschutzpartei, weswegen alles, was irgendwie queer ist und nicht dem traditionellen Familienbild Vater-Mutter-Kind(-Schäferhund) entspricht, als Gefährdung des Kindeswohls angesehen wird. Nur sind diejenigen, die sich da mit, bei und über Epstein an Kindern und Jugendlichen vergangen haben, eben keine queeren Personen, sondern vor allem alte weiße Männer mit rechter politischer Einstellung und viel Geld.
Diese kognitive Dissonanz wurden von Uwe Brückner auf Facebook mit zwei Beiträgen anschaulich dokumentiert:
Da bedarf es eigentlich keines weiteren Kommentars mehr …
Law and Order vs. eigene Kriminalität
Je weiter rechts eine Partei steht, desto mehr postuliert sie in der Regel eine Law-and-Order-Haltung: härteres Durchgreifen gegen Kriminelle, höhere Strafen, mehr Überwachung, mehr Polizeistaat.
Allerdings passt das nun so gar nicht damit zusammen, dass die AfD die Partei mit den mit Abstand meisten kriminellen Abgeordneten ist. Da finden sich immer wieder Verurteilungen wegen Volksverhetzung oder dem Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole, was ja auch wenig überraschend ist. Darüber hinaus sind aber auch sehr oft ganz „normale“ Delikte wie Nötigung, Betrug, Sachbeschädigung, Geldwäsche, Körperverletzung, Drogenschmuggel, Dokumentenfälschung usw. (s. dazu einige Beispiele hier, hier oder ansonsten mal „verurteilte AfD-Abgeordnete“ in der Suchmaschine deines Vertrauens eingeben) nicht gerade selten bei den Blaubraunen (aktuell beispielsweise gerade: hier, hier, hier, hier und hier). Und auch deren Anhängerschaft zeigt sich immer wieder ausgesprochen gewalttätig, beispielsweise bei Übergriffen auf Journalisten oder Attacken auf ihnen unliebsame Demonstranten.
Das ist ja auch nicht verwunderlich, denn Gewalt ist nun mal ein elementarer Bestandteil der rechtsradikalen Ideologie. Wenn ich andere Menschen als weniger wertvoll erachte, dann fühlt man sich eben gern auch ermutigt, diese körperlich zu attackieren. Aus verbaler Abwertung folgt tatsächliche Gewalt – das ist nun kein ganz unübliches Schema, sondern kann in jeder Autokratie beobachtet werden.
Ganz so plump kriminell ist man bei der CDU meistens nicht (wobei: Jens Spahn …), aber dort ist man hingegen sehr anfällig für verschiedenste Arten der Korruption: sei es über Parteispenden oder lukrative Jobs neben oder nach der Abgeordnetentätigkeit. Auch nicht so ganz die feine Art, und auch wenn das in der Regel nicht oder kaum sanktioniert wird, zeigt sich dabei doch eine gehörige kriminelle Energie, wenn man sein Mandat nicht, wie vorgegeben, „zum Wohle des Volks“, sondern zum Wohle der eigenen Brieftasche ausübt.
Und auch, dass es bei der CDU mittlerweile quasi zum guten Ton gehört, gern die Unwahrheit zu verbreiten, wenn es einem eben in den Kram passt (s. hier), spricht nicht gerade für ein gutes rechtsstaatliches Verständnis. Denn auch wenn Lügen meistens nicht strafbar sind, so sie nicht unter Eid geschehen, wird auf diese Weise doch das, was man unter Recht und Ordnung versteht, massiv untergraben.
Hier herrscht eine riesige Diskrepanz, was man für andere fordert und für sich selbst in Anspruch nimmt. Dass Politiker von rechten Parteien derart abgehoben und selbstgefällig agieren, ist nicht verwunderlich, aber ihrem Anhang könnte doch schon mal auffallen, dass bei mehr Law and Order auch diejenigen, die sie wählen, zur Rechenschaft gezogen werden müssten.
Anti-Wärmepumpe vs. Panikmache wegen leerer Gasspeicher
Große Aufregung gerade im rechten Lager von CDU bis AfD: Die deutschen Gasspeicher sind schon ziemlich leer, und der Winter ist vielerorts noch immer reichlich kalt. Da kann man doch gleich mal wieder Panik schüren, zumal es ja auch genug Medien gibt, die dankbar dabei mitmachen.
Absurderweise sind es nun nur vor allem die Politiker und Medien, die noch vor zwei Jahren massiv Stimmung gegen Wärmepumpen gemacht haben und fälschlicherweise behaupteten, der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wolle über das sogenannten Heizungsgesetz (eigentlich heißt das Ding Gebäudeenergiegesetz) quasi allen die Gasheizungen aus dem Keller reißen lassen. Da gab es für diese Leute offenbar nichts Geeigneteres zum Heizen als Erdgas – auch wenn das nicht unbedingt den physikalischen Tatsachen entspricht.
Aber zumindest sollte einem klar sein, dass Gasheizungen (im Gegensatz zu Wärmepumpen) Gas benötigen. Je mehr Menschen also eine Wärmepumpe haben, desto weniger Gas wird gebraucht und desto voller sind die Gasspeicher. Eigentlich ganz logisch, oder? Aber für Rechte, die PR von der Fossile-Energien-Industrie nachplappern, offensichtlich eine Nummer zu hoch …
Alice Weidel
Eine lesbische Frau, die mit ihrer dunkelhäutigen Partnerin aus Sri Lanka in der Schweiz lebt, ist Vorsitzende einer queerfeindlichen und rassistischen Partei, die aufs Deutschtum und auf traditionelle Familienstrukturen pocht.
Mehr braucht man zu dieser enormen kognitiven Dissonanz eigentlich nicht zu sagen. Außer vielleicht noch, dass AfD-Jünger, die am liebsten jede Regenbogenfahren, die irgendwo flattert, abreißen würden, sich freuen würden, wenn Deutschland zum ersten Mal eine queere Kanzlerin bekäme …
Patriotismus vs. Landesverrat
Die Verbindungen der AfD zu Ländern, die nicht unbedingt Gutes für Deutschland im Schilde führen, liegen ja ziemlich offen. Besuche in Russland und den USA, bei denen dann auch gern mal freimütig über deutsche politische Interna geplaudert wird (hat Beatrix von Storch so zumindest bei Lanz im ZDF frei heraus erzählt), Kontakte mit chinesischen Spionen (Maximilian Krah und Jan Wenzel Schmidt beispielsweise) – das geht irgendwie schon in Richtung Landesverrat, finde ich.
Dabei ist die Deutschfeindlichkeit der AfD auch schon auf andere Weise deutlich geworden, nämlich als deren damaliger Pressesprecher Christoph Lüth 2020 sagte: „Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD.“ Und: „Solange die AfD noch ein bisschen instabil ist […] müssen wir dafür sorgen, dass es Deutschland schlecht geht.“ (Beide Zitate sind hier zu finden.)
Wollen Patrioten nicht eigentlich, dass es ihrem Land und den Menschen dort möglichst gut geht? Passt wohl nicht so ganz damit zusammen, wenn man vor allem die eigene Karriere sowie den Erfolg der eigenen Partei im Kopf hat und genau weiß, dass sich dieser aus der Unzufriedenheit und Angst vieler Menschen speist. Und so sollte klar sein, dass die AfD zwar lauthals propagiert, dass Deutschland zuerst kommen müsste, und sich mit der schwarz-rot-goldenen Flagge schmückt, das Ganze aber nur vorgeschoben ist, da man eigentlich nur Schlechtes für Deutschland im Sinn hat.
Patrioten sollten also mit Sicherheit nicht AfD wählen – und da sie es oft doch machen, herrscht auch hier wieder ein massive kognitive Dissonanz vor.
Ähnliches gilt natürlich auch für CDU/CSU und FDP, denn deren Politik ist ja nun immer offensichtlicher gegen die meisten Menschen im Lande gerichtet (wobei die FDP zurzeit ja zum Glück nicht so viel zu melden hat), wie man beispielsweise daran sieht, dass Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gerade die erneuerbaren Energien abwürgen möchte, was nicht nur viele Arbeitsplätze gefährdet, sondern eben auch den Wirtschaftsstandort Deutschland zurückwirft und sicherheitspolitisch sehr fragwürdig ist, da es Autokraten mit fossilen Rohstoffen hervorragende Erpressungsmöglichkeiten an die Hand liefert. Auch nicht so wirklich patriotisch, oder?
Ach ja: Sich selbst und seine Angehörigen auf Kosten der Steuerzahler zu bereichern, wie gerade beispielsweise in großem Stil in Sachsen-Anhalt bei der AfD zu beobachten (s. hier), ist nun auch nicht eben das, was man von überzeugten Patrioten so erwartet.
Technologieoffenheit vs. Ablehnen neuer funktionierende Technologien
Der Begriff Technologieoffenheit wird ja immer wieder gern benutzt von CDU bis AfD, aber dabei geht es dann komischerweise immer nur um Technologien, die entweder schon gescheitert sind (Atomkraft) oder die noch nicht funktionieren (Kernfusion, E-Fuels). Neuen Technologien, die sich bereits bewährt haben und die auch schon in größerem Maße produziert werden, steht man hingegen nicht so aufgeschlossen gegenüber: Wärmepumpen beispielsweise, Solar- und Windenergie ebenfalls, und auch bei der Elektromobilität hapert es.
Das passt nun irgendwie nicht so richtig zusammen – es sei denn, das Gerede von der Technologieoffenheit wäre nur ein Feigenblatt, um zu kaschieren, dass man im Grunde an der destruktiven fossilen Energieerzeugung nichts ändern möchte. Das ist zwar ausgesprochen kurzsichtig, und zwar sowohl aus wirtschaftspolitischer Sicht als auch aus Gründen des Klima- und Umweltschutzes, aber wenn die Öl- und Gasindustrie nun mal so schöne Aufsichtsratsplätze anbietet und sich auch sonst gern spendabel zeigt, dann meint man wohl, diese inhaltliche Diskrepanz seinen Anhängern ruhig zumuten zu können.
Und leider klappt das ja auch reichlich gut …
Bürokratieabbau vs. Bürokratieaufbau
Zu diesem Thema hab ich ja kürzlich schon mal einen Artikel geschrieben, daher hier nur ein kurzes Fazit: Diejenigen, die einerseits immer von Bürokratieabbau reden, meinen damit stets nur, dass sie Konzerne weniger regulieren wollen, sodass diese weiter auf Umweltzerstörung, Ausbeutung und Verbrauchertäuschung setzen können. Kleine und mittlere Betriebe werden hingegen immer gern mit einem Übermaß an Bürokratie zugeschüttet – was ja auch wieder im Sinne der Konzerne ist, deren Konkurrenz so geschwächt wird oder sogar wegfällt.
Das mündet dann sogar in ganz offensichtliche Widersprüchlichkeiten, wenn beispielsweise das europäische Lieferkettengesetz unter Vorgabe einer „Vereinfachungsagenda“ so umgestaltet wird, dass eine einheitliche EU-Haftungsnorm verhindert wird und somit ein unübersichtlicher Flickenteppich aus juristischen Zuständigkeiten geschaffen wird (s. hier).
Insofern wird das Thema Bürokratie auch nicht stringent gehandhabt, sondern stets nur ins Spiel gebracht, um der eigenen Klientel Vorteile zu verschaffen. CDU-Wähler und noch weiter rechts Stehende merken das leider nicht.
Teilzeit-Bashing vs. hohe Arbeitslosigkeit
Die „Lifestyle-Teilzeit“ war ja gerade zu Recht ein ziemlicher Aufreger, denn in der Verwendung dieses Begriffs vor allem vonseiten der CDU zeigt sich eben, dass man bei der Union offensichtlich keine Ahnung von der Lebensrealität der Menschen hierzulande hat.
Und dann ist es auch rein ökonomisch betrachtet absolut unsinnig, bei einer Arbeitslosigkeit, die aktuell auf einem Höchststand seit 2011 ist, die Teilzeitkräfte anzugehen. Könnte ja vielleicht schlichtweg sein, dass nicht genug Arbeitsplätze vorhanden sind, oder? Und das betrifft nicht nur die gut drei Millionen offiziell Arbeitslosen, sondern auch diejenigen, die unfreiwillig in Teilzeit beschäftigt sind und gern mehr arbeiten würden (s. hier).
Ist eigentlich gar nicht so schwer zu erkennen, dass da irgendwas nicht zusammenpasst und hier wohl eher eine Nebelkerze gezündet werden soll, um mal wieder mittels Nach-unten-Treten die Schuld für die Resultate der eigenen politischen Unfähigkeit bei irgendjemand anderem zu suchen, oder? Na ja, für CDU-Wähler reicht’s anscheinend, um die so hinters Licht zu führen.
„Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ vs. „Die Flüchtlinge wollen hier ja nur Bürgergeld kassieren“
Ein Klassiker der kognitiven Dissonanz, der aber bei Rechten immer noch beliebt ist: Wenn über Geflüchtete gesprochen wird, dann hängt es bei simplen Gemütern vom Thema, über das man sich gerade aufregen möchte, ab, ob diese Menschen den Deutschen nun die Arbeitsplätze wegnehmen oder ob die sowieso nur herkommen, um es sich im Sozialstaat gemütlich einzurichten. Da mag man nur fragen: Ja, was denn nun? Beides geht ja schlecht, aber das interessiert rechte Hohlbratzen eben leider auch nicht.
Altersarmut vs. „Ausländer raus!“
„Es kann doch nicht sein, dass alte Menschen von ihrer Rente nicht leben können, wenn sie ein Leben lang gearbeitet haben!“ Dem kann man nur zustimmen, wenn so eine Aussage allerdings von jemandem kommt, der gleichzeitig so viele Migranten wie möglich aus dem Land schaffen möchte, dann kann man da schon wieder ein bisschen an dessen Verstand zweifeln oder eben einen kognitive Dissonanz feststellen.
Wie ich neulich schon mal in einem Artikel feststellte, ist die hierzulande zunehmende Altersarmut keine ökonomische Notwendigkeit, sondern politisch so herbeigeführt durch bewusste Entscheidungen. Und solange sich da nichts Gravierendes ändert, dass nämlich mehr von den Produktivitätszuwächsen auch tatsächlich bei denen landen, die sie erarbeiten, wird es schwierig, immer mehr älteren Menschen eine auskömmliche Rente zu ermöglichen.
Wenn da nicht die Migration wäre, denn auf diese Weise kommen recht viele junge Menschen ins Land, teilweise mit Kindern, die dann hier arbeiten wollen bzw. das zukünftig tun werden. Dass nun diejenigen, die immer wieder bei der Rentenfrage auf die Demografie abstellen und deswegen das Umlageverfahren schlechtreden, weitgehend deckungsgleich mit denen sind, die junge Menschen vermehrt aus dem Land werfen wollen, nur weil sie nicht deutsch genug sind, passt nun auch mal wieder so gar nicht zusammen. Aber hier schlägt dann eben Rassismus jede ökonomische und sozialstaatliche Vernunft.
Sprachverbote behaupten vs. anderen verbieten, wie sie sprechen
Egal, was man vom Gendern halten mag (ich mach das ja beispielsweise auch nicht), so muss man doch feststellen: Niemandem wird dadurch vorgeschrieben, wie er oder sie zu sprechen und zu schreiben hat. Genau das wird aber immer wieder von Rechten aus CDU bis AfD behauptet. Mit dem Verweis, dass sie sich nicht vorschreiben lassen wollten, wie sie zu sprechen hätten.
Also verbieten diese Leute dann das Gendern an Schulen, an Universitäten und in der Verwaltung. Und schreiben damit anderen vor, wie sie zu sprechen und zu schreiben haben. Wer darin eine Logik sucht, sucht vergebens …
Binnennachfrage reduzieren vs. Echauffieren über aussterbende Innenstädte
Neoliberale Parteien, und da vor allem CDU/CSU, FDP und AfD, verfolgen eine Politik, welche die Binnennachfrage schwächt. Die Löhne sollen möglichst niedrig sein, der Sozialstaat soll zusammengestrichen werden, die Mieten sollen nicht begrenzt werden, große internationale Konzerne bekommen Steuervorteile gegenüber kleinen und mittleren inländischen Unternehmen usw. Das führt nun eben dazu, dass diejenigen, die ihr Geld nahezu komplett auch hier im Land wieder ausgeben, immer weniger davon zur Verfügung haben, damit einige wenige Milliardäre ihre immer größeren Vermögen ins Ausland oder in irgendwelche Geldanlagen schaffen können.
Wenn man so eine Umverteilungspolitik von „unten“ nach „oben“ immer unverhohlener betreibt, darf man sich nur eben auch nicht wundern, dass viele Menschen hierzulande sich immer weniger leisten können und beim Einkaufen zunehmend auf den Preis achten müssen. Also lieber zum Discounter auf die grüne Wiese als zum Fachgeschäft in der Innenstadt. Und sowieso auch besser bei Amazon bestellen, denn da ist ja alles vermeintlich günstiger (allerdings nur auf den ersten Blick).
Da der Einzelhandel in Innenstädten nicht von Luft und Liebe leben kann, bekommt der diese Entwicklung natürlich voll zu spüren. Mit dem Resultat, dass viele Betriebe schließen müssen wegen Umsatzrückgängen oder keine neuen Inhaber mehr finden, wenn die bisherigen Besitzer altersbedingt aufhören wollen.
Soweit nachvollziehbar, oder? Tja, und nun kommen vor allem Konservative und Rechte immer wieder daher und regen sich auf, dass die Innenstädte in Deutschland zunehmend von Leerstand geprägt sind. Auf die Idee, dass die Politik, die sie selbst befürworten und durch Wahlen legitimieren, an diesem Umstand eine erhebliche Mitschuld trägt, kommen sie nur leider nicht – kognitive Dissonanz eben.
Und wie kommt es zu so viele kognitiven Dissonanzen?
Mir würden bestimmt noch weitere Beispiel für kognitive Dissonanzen einfallen, aber der Artikel soll ja nicht noch länger werden. Bleibt abschließend noch die Frage: Wie kann man sich nun diese massive Zunahme von kognitiven Dissonanzen erklären?
Vor sechs Jahren schrieb ich mal einen Artikel mit dem Titel „Entrationalisierung“. Darin habe ich geschildert, wie in immer mehr Bereichen ein sachlicher, faktenbezogener Diskurs kaum noch möglich ist und viele politische Entscheidungen wider besseres Wissen gefällt werden. Das hat dann eben auch Auswirkungen darauf, wie Menschen Kausalitäten wahrnehmen. Dazu kommt eine sich stetig verkürzende Aufmerksamkeitsspanne von immer mehr Menschen (ein Resultat der Digitalisierung), sodass zunehmend nur auf einzelne Aspekte fokussiert wird und diese nicht mehr in einen Gesamtkontext eingebettet werden.
Dazu trägt dann natürlich auch die Empörungsberichterstattung vieler Medien bei, denn dabei wird nur auf ein separates Ereignis fokussiert, das gern auch unterkomplex dargestellt wird, damit man schnell eine Menge wütende Aufmerksamkeit bekommt. Klicks und kurze Kommentare sind in sozialen Medien nun mal Reichweite, und Reichweite ist für viele Medien bares Geld. So fällt m. E. vielen gar nicht mehr auf, dass sie sich über eine Sache empören, die eigentlich ursächlich auf Dingen beruht, die sie sonst befürworten. Der Zusammenhang wird wohl schlichtweg nicht mehr hergestellt – so zumindest meine Vermutung.
Kognitive Dissonanzen machen den Diskurs ausgesprochen schwierig, denn es ist ja nicht möglich, jemandem mit rational-stringenter Argumentation einen Standpunkt zu vermitteln, wenn diese Person aufgrund von kognitiven Dissonanzen zwischen seinen eigenen Standpunkten umhereiert. Dass es heute in Diskussionen oftmals zunehmend ums Rechthaben und leider immer weniger um einen ergebnisoffenen Austausch mit eventuellem Revidieren des eigenen Standpunktes geht, kommt erschwerend hinzu. Wer nämlich auf eine kognitive Dissonanz aufmerksam gemacht wird, reagiert dann (so zumindest meine Erfahrung) gern mal pampig oder bricht das Gespräch ab. Zuweilen wird dann auch versucht, selbst so eine kognitive Dissonanz zur Verteidigung zu kreieren, was dann in der Regel darauf hinausläuft, dem Gegenüber vorzuwerfen, ja nicht hundertprozentig dogmatisch zu handeln, oder ebenjenen Dogmatismus von sich zu weisen (s. hier).
In jedem Fall trägt das dann nicht zu einem konstruktiven Dialog bei, und gerade davon bräuchten wir heutzutage doch so viel mehr, um einfach mal rein thematisch-faktenbasiert und nicht ideologisch an die großen Probleme unserer Zeit heranzugehen.
Da aber kognitive Dissonanzen auch von vielen Medienschaffenden und Politikern gepflegt und bei ihren Zuhörern/Lesern getriggert werden, dürfte es schwierig sein, als Einzelner etwas dagegen auszurichten.
Aber wie immer gilt: Aufgeben ist auch keine Lösung.



