Zeitgeistphänomen Konsumhektik

Im dritten Teil der Reihe von Zeitgeistphänomenen werde ich mich mit dem beschäftigen, was ich als Konsumhektik bezeichnen möchte. Hierunter verstehe ich, dass immer mehr in immer kürzeren Abständen und zu immer mehr Gelegenheiten gekauft und verbraucht wird, was m. E. sogar so weit geht, dass der Akt des Erwerbs mitunter im Vordergrund steht und gar nicht mal die Benutzung des erworbenen Gutes. Klingt erst mal ein wenig abstrakt? Ich glaube, ein paar Beispiele werden deutlich machen, worum es mir geht und wie sehr die Konsumhektik mittlerweile in den Alltag der meisten Deutschen Einzug gehalten hat.

Da wären zunächst mal die verschiedenen Formen der sogenannten Obsoleszenz (einen Überblick kann man sich auf der entsprechenden Wikipedia-Seite machen), was nichts anderes bedeutet, als das Dinge, die eigentlich noch funktionieren und brauchbar sind, ersetzt werden, da sie eben als obsolet gelten. Das kann verschiedene Gründe haben: Etwas ist vielleicht nicht mehr schick oder in, oder aber (besonders bei technischen Geräten und Computern) es gibt einfach keine entsprechenden Zubehörartikel mehr. Dazu kommt dann noch die geplante Obsoleszenz (dazu gibt es eine sehenswerte 75-minütige arte-Doku oder auch einen Artikel auf der Freitag), wozu zum einen der Einbau von Sollbruchstellen in technische Geräte vonseiten der Hersteller gehört, sodass diese kurz nach Ablauf der Garantiezeit ersetzt werden müssen, zum anderen aber auch die gesamte Modebranche.

Jedes Jahr gibt’s das neuste Handy, Klamotten und Schuhe werden en masse gekauft, obwohl doch der ganze Kleiderschrank noch voll ist, und auch die Unterhaltungselektronik wird immer gern auf den neusten Stand gebracht. Die Frankfurter Rundschau berichtet in einem Artikel darüber, dass Elektrogeräte heutzutage bei Weitem nicht mehr so lange halten wie noch vor einigen Jahren und immer schneller ersetzt werden. Jetzt kann man natürlich sagen: Ist doch prima, das kurbelt schließlich die Wirtschaft ordentlich an! Allerdings wird in dem FR-Artikel auch gleich die Schattenseite davon angesprochen: Auf diese Weise verbrauchen wir immer mehr Ressourcen und erzeugen immer mehr Müll, was beides zu erheblich Umweltproblemen führt. Und was noch hinzukommt: Nicht wenige Menschen verschulden sich, um beim Konsumieren mithalten zu können, da sie nicht gegenüber Freunden, Familie, Arbeitskollegen und Bekannten zurückfallen und so als nicht up to date gelten wollen. Dieses Verhalten hab ich ja schon vor Kurzem beim Zeitgeistphänomen Angeberei beschrieben, und auch der dort erwähnte Trend, Dinge unbedingt als Erster machen zu müssen, um sich damit vor anderen profilieren zu können, trägt natürlich zu Konsumhektik bei: Etwas wird nicht gekauft, weil es tatsächlich gebraucht wird, sondern weil andere damit beeindruckt werden sollen.

Ein weiterer Ausdruck für die Konsumhektik ist die zunehmende Verbreitung von To-go-Produkten. Vieles, wofür man sich vor einigen Jahren einfach noch ein bisschen Zeit genommen hat, wie zum Beispiel der Genuss einer Tasse Kaffee, wird heute unterwegs, eben to go, erledigt. Dies führt nicht nur zu einer zunehmenden Beschleunigung unseres Alltagslebens, sondern auch zu einer steigenden Unbewusstheit beim Genuss: Der Kaffee wird eben schnell auf dem Weg zur Bahn reingekübelt, und da man kaum noch zusätzliche Zeit dafür aufbringen muss, wird auch insgesamt noch mehr davon konsumiert. Dazu kommt auch hier noch eine beträchtliche Schädigung der Umwelt durch die Produktion der Einwegbecher und deren schnellen Wandel zum Restmüll, wie beispielsweise die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtet. Mittlerweile wird sogar überlegt, eine Pfandabgabe auf die Einwegbecher zu erheben, um so die Kunden dazu zu bringen, doch eher ihre eigenen wiederbefüllbaren Trinkgefäße mitzubringen – die Überlegung, dass ein solches hektisches Konsumieren „auf dem Sprung“ generell nicht gut sein könnte, wird bezeichnenderweise dabei nicht angestellt.

Aber natürlich werden wir auch alle stets durch die omnipräsente Werbung dazu animiert, Dinge zu kaufen. Klar, Werbeplakate gab es schon immer, und auch in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen wurde schon vor Jahrzehnten Werbung platziert, aber mittlerweile ist diese derart gestreut und gestaltet, dass man sich ihr kaum noch entziehen kann: Werbung findet beispielsweise im Fernsehen nicht mehr nur in bestimmten Blöcken statt, sondern auch in den Sendungen selbst („Das Wetter wird Ihnen präsentiert von Firma XY!“), und auch in Zeitungen sind der redaktionelle und der werbliche Teil häufig (durchaus bewusst übrigens) nicht mehr immer ohne Weiteres auseinanderzuhalten. Dazu kommt, dass Werbeplakate und Werbebanden in Fußballstadien mittlerweile zu einem großen Teil beweglich sind und mehrere unterschiedliche Werbungen präsentieren, was nicht nur einen quantitativen höheren Input beim Betrachter bedeutet, sondern aufgrund der Bewegung auch eher überhaupt erst mal die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und dann ist da noch das Internet, in dem wir ständig mit Werbung (teilweise sogar personalisiert) konfrontiert werden, ebenfalls oft in Form von bewegten Bildern – und immer häufiger auch unterwegs, wenn das Handy zum Surfen im Netz genutzt wird.

Von allen Seiten wird uns heute also suggeriert, dass wir unbedingt etwas kaufen müssen. Wenn man nun noch berücksichtigt, was der Neurobiologe Gerald Hüther in einem Vortrag schildert, nämlich das Kaufen oft als Ersatzhandlung fungiert, die uns glücklich machen soll, was allerdings nicht gelingt, sodass immer weiter konsumiert werden muss, dann ergibt sich ein stimmiges Bild für die Ursachen der Konsumhektik: Uns wird ständig etwas angeboten und suggeriert, dass wir das alles unbedingt bräuchten, um glücklich zu sein und dazuzugehören, dazu veralten unsere Sachen immer schneller und gehen früher kaputt, und das trifft dann eben auf den Umstand, dass die meisten Menschen immer weniger Zeit und Muße haben (Stichworte Arbeitsverdichtung und Freizeitstress), sich weitgehend immer unglücklicher fühlen und so empfänglich für die Verlockungen des Kaufens sind. Dass wir mit diesem Verhalten unsere Umwelt massiv schädigen in Form von überhöhtem Ressourcenverbrauch und immer größeren Müllbergen, sollte uns eigentlich zeigen, dass dies ein totaler Holzweg ist – aber leider sind die meisten für die Erkenntnis viel zu sehr in ihrer Konsumhektik gefangen …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 thoughts to “Zeitgeistphänomen Konsumhektik”

  1. Volker Pispers hat das mal so zusammengefasst: „Wir kaufen uns Sachen, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht ausstehen können.“
    Und dann in „Bullshit-Jobs“ abrackern, um die Kredite abzuzahlen, möchte ich hinzufügen.

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