Flüchtlinge – ein Sommermärchen?

Sedar Somuncu hat einen Artikel für die WirtschaftsWoche geschrieben, der sehr kontroverse Reaktionen ausgelöst hat, denn er wirft einen durchaus kritischen Blick auf die derzeitig medial so präsente Welle der Hilfsbreitschaft für Flüchtlinge. Sein Fazit:

Stattdessen wird Anti-Rassismus zur kommerziellen Attitude, und Haltung mutiert zum plumpen Entertainment der intellektuellen High Society. Exodus Ladenschluss im Circus Halluzinogalli.

Eine durchaus zwiespältige Sache. Natürlich ist es zunächst mal zu begrüßen, dass der Diskurs um die Flüchtlinge und der Umgang mit diesen nicht mehr nur den rechten Krakeelern überlassen wird, zudem ist praktische Hilfe natürlich auch zurzeit sehr vonnöten (wobei es eigentlich schon ein starkes Stück ist, dass hier Privatpersonen durch persönliches Engagement und finanzielle Zuwendung Aufgaben übernehmen, die eigentlich hoheitlich dem Staat obliegen sollten – aber das ist ein anderes Thema und soll hier jetzt nicht weiter ausgebreitet werden). Andererseits finde ich es schon nachvollziehbar, dass Somuncu die Eventisierung anspricht, die wir ja nun allenthalben beobachten können, und ich habe seinen Artikel auch nicht so verstanden, dass er diejenigen, die sich wirklich ehrenamtlich engagieren und tatkräftig helfen, böse angehen will (eine derartige Interpretation klang bei einigen kritischen Stellungnahmen dazu durch). Hilfe ist gut, wenn sie allerdings deswegen geschieht, weil es gerade hip ist zu helfen, dann ist sie zwar als Tat selbst immer noch gut, aber eben nicht nachhaltig im Sinne davon, dass ein wirkliches reflektiertes Umdenken der Menschen stattfindet. „So, Flüchtlinge begrüßt, das kann abgehakt werden – was steht als Nächstes an? Gibt’s schon wieder Dschungelcamp?“

Wie stark diese Eventisierung fortgeschritten und wie wirkmächtig sie ist, werden wir wohl spätestens im nächsten Sommer sehen, wenn sich dann der Flüchtlingshelfer und der „besorgte“ Patriot wieder fähnchenschwenkend beim Eventfußball in den Armen liegen und sich keiner mehr so richtig für die Flüchtlinge interessiert. Gern würde ich mich hier irren, aber ich fürchte, dass Somuncu mit seiner Beschreibung der Selbstinszenierung der Menschen in der heutigen Zeit den Nagel schon recht gut auf den Kopf trifft: Dinge werden (medial) aufgebauscht, alle machen mit, und kurze Zeit später ist wieder alles so wie vorher, und es wird auf die nächste Sau gewartet, die durchs Dorf getrieben wird. Dabei bräuchten wir eine anhaltende Debatte auf breiter gesellschaftlicher Basis über die Ursachen und vor allem auch unseren eigenen Anteil an den Zuständen, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat treiben, doch fürchte ich, dass spätestens bei einem derartigen Touchieren der Komfortzone das Interesse daran schnell erlahmen wird. Wie gesagt: Gern läge ich hier falsch …

Und wenn ich nun noch sehe, dass ein Schmierblatt wie die Welt nun schon die momentane Welle der Hilfsbereitschaft nutzt, um den tollen neuen Deutschen herbeizufabulieren, wobei die neoliberale Cheftröte Ulf Poschardt das Ganze dann gleich mal schön ideologisch ausschlachtet und am liebsten wieder mal den Sozialstaat abschaffen will, weil die Bürger ja nun zeigen, dass sie das alles selbst super können (s. hier; dabei entblödet Poschardt sich auch nicht, mehrfach den Begriff „Sommermärchen“ zu verwenden), dann wird mir sowieso gleich ganz anders … Seine Kollegin Dorothea Siems, die sich sonst vor allem auf das verbale Einschlagen auf Hartz-IV-Empfänger spezialisiert hat, nutzt das Thema Flüchtlinge als Aufhänger (s. hier) und verbreitet so den üblichen neoliberalen Stuss: demografischer Wandel, toller Aufschwung in den letzten Jahren, Deutschland geht es gut, trotzdem ist der Bürger noch zu ansprüchig an den Staat, Fachkräftemangel, zu hohe Sozialausgaben – das übliche Gewäsch ohne Sinn, Verstand und Realitätsbezug, bei dem nun noch durchschimmert: Die Flüchtlinge könnten dabei hilfreich sein, aber dann bitte nur die gut qualifizierten und nicht diejenigen, die, so Siems, „die Gruppe der Bildungsverlierer noch anwachsen lassen“. Das Phänomen der deutschen Hilfsbereitschaft ist kaum aufgetaucht, da wird es von den üblichen Verdächtigen schon ideologisch ausgeschlachtet. Und bezeichnenderweise fand sich dann heute Morgen direkt unter diesen beiden Artikeln auf der WeltWebseite ein Loblied auf den deutschen Panzerbau – noch Fragen?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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