America first – Egoismus salonfähig

Wer regt sich nicht alles über den frischgebackenen US-Präsidenten Donald Trump auf. Auf einmal ist offener „Antiamerikanismus“ gesellschaftsfähig geworden, und es steht jedem frei, sich kritisch über die Äußerungen des Regierungschefs zu echauffieren. Dabei sind die Parallelen zum Wahlkampf der in Deutschland erstarkten AfD unübersehbar. Da fällt mir dieser Spruch ein: „Wenn du mit dem Finger auf andere Menschen zeigst, zeigen drei Finger auf dich selbst.“

Wie schaut es denn hier mit dem Egoismus aus? Gerade in den letzten Wochen und Jahren kommt dieses Thema immer wieder bei Gesprächsrunden auf: Die Menschen kümmern sich nicht nur ausschließlich um ihre eigenen Bedürfnisse, sondern dabei werden die Bedürfnisse der Gesellschaft auch noch komplett ausgeblendet. Hier auf unterströmt wird auch dieses Thema schon länger aufgegriffen, z. B. in den Zeitgeistphänomenen oder im Beiträgen über den blinden Konsum.

Mittlerweile ist es ein allgegenwärtiges Phänomen: In letzter Zeit fällt mir auf, dass wirklich überall immer mehr Menschen ihren Müll und Sperrmüll einfach an den Straßenrand oder gleich im Hausflur abstellen. Manchmal wird noch ein Zettel „zu verschenken“ angeklebt, und dann wird sich nicht mehr darum gekümmert. Auch wenn die so großherzig wegzugebenden Sachen dort noch nach Tagen und Wochen stehen, werden diese dann dort stehen gelassen (ich nehme allerdings an, in den meisten Fällen geht es eher um Dinge, die man einfach loswerden wollte, möglichst leicht und schnell und auf Kosten der Allgemeinheit). Tendenz: steigend.

Seit einigen Jahren ist der SUV (Sport Utility Vehicle) in Mode gekommen: Diese riesigen Kisten geben einem das Gefühl von Sicherheit, und man hat auch noch eine bessere Übersicht (durch die erhöhte Sitzposition). Allerdings geht das auf Kosten meiner Umwelt, denn wenn ich mit dem SUV an einem Unfall „teilnehme“, dann sieht es für andere Verkehrsteilnehmer düster aus: Fußgänger werden auf Kopfhöhe getroffen, und Kleinwagen und Radfahrer werden einfach durch diese tonnenschweren Kolosse zerquetscht. Das die Brummer auch nicht gerade optimal in Bezug auf Treibstoffverbrauch und Parkflächen sind, sei hier am Rande mal mit erwähnt.

Ein etwas länger anhaltender Trend ist das Mobiltelefon, welches in so vielen Bereichen inflationär Einzug gehalten hat, dass ich unmöglich alle egoistischen Aspekte hier aufzählen kann (s. dazu ausführlicher hier)! Ich sehe den praktischen Nutzen und auch den Mehrwert, Informationen „bei Bedarf“  zur Hand zu haben. Allerdings ist der Bedarf da eine Frage des Maßes: Wenn mein Gegenüber ständig das Mobiltelefon herauspult, um irgendetwas Besprochenes im Internet zu „recherchieren“, geht das auf Kosten des sozialen Miteinanders. In erster Linie denke ich allerdings in Bezug auf Egoismus eher an die Leute, die laut Musik hören, Spiele mit eingeschalteten Tastentönen und Effekten bedienen und lebensgefährlich nicht auf den Verkehr achten: Fußgänger rennen über Radwege und Straßen, ohne sich umzuschauen (und provozieren so auch Unfälle, bei denen andere zu Schaden kommen), Autofahrer schreiben Kurznachrichten und töten direkt andere Verkehrsteilnehmer, und selbst Radfahrer beantworten Nachrichten oder suchen Songs auf ihren mobilen Computern (natürlich während der Fahrt).

Und auch im großen Maßstab stehen wir da den USA um keinen Deut nach: Da werden Zäune um Länder gezogen, um die Flüchtlinge von uns fernzuhalten (wie es Trump mit Mexiko vorhat), es werden Abkommen mit Staatsmännern getroffen, die jenseits des deutschen Rechts agieren (Deal mit der Türkei oder der libyschen Küstenwache), und es wird billigend in Kauf genommen, dass Menschen im Mittelmeer dabei ertrinken. Wir lassen in unsichere Länder abschieben und verleihen uns dann den Friedensnobelpreis für so eine Schweinerei. Europa first?

Kurzum: Bevor wir uns nun über die USA aufregen, wäre ein bisschen mehr Selbstreflexion angebracht. An seinem Gegenüber kann man immer sehr einfach herummäkeln, aber sicher ändern kann man nur das eigene Verhalten. Und je mehr wir uns von Populisten gegeneinander aufbringen lassen, desto einfacher fällt uns der Egoismus (da die anderen ja sowieso alle blöd sind oder ja schließlich auch keine Rücksicht  auf mich nehmen). Oder frei nach dem Motto: „Wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist an alle gedacht.“ Ekelig …

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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