Und noch mal was zu Mesut Özil

Heinz hatte ja am Montag schon einen Artikel zum Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fußballnationalmannschaft geschrieben, der den Fokus auf die Ursachen dieses Geschehens gelenkt hat. Ich möchte mich nun noch einmal ein bisschen mit dem Vorgang selbst beschäftigen, denn er zeigt m. E. nur allzu deutlich auf, wie sehr der Rassismus mittlerweile wieder in unserer Gesellschaft nicht nur verankert ist, sondern auch völlig unverblümt öffentlich geäußert wird. Und gerade Fußball eignet sich da als Vehikel besonders gut, um derartige Ressentiments zu kultivieren, wie ich ja in einem Artikel von vor gut zwei Monaten, in dem auch die Fotos, die Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Despoten Erdogan gemacht haben, angesprochen wurden, bereit ausgeführt habe.

Da denkt man bei der Fußball-WM, dass man nach dem kläglichen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft vor nationalistischen Ausbrüchen verschont bleiben wird, und dann so was: Gut, die „Sieg heil!“ skandierenden Horden in den Straßen gab es nun zum Glück nicht, aber dennoch zeigt sich die patriotisch aufgeheizte Fußballervolksseele schnell von ihrer widerlichsten Seite, wenn sie augenblicklich einen Schuldigen für das sportliche Dilemma in Russland ausfindig gemacht hat: Mesut Özil, der Deutschtürke, der ja auch nie die Nationalhymen mitgesungen hat und der sich auch noch kurz vor der WM mit dem türkischen Präsidenten Erdogan hat ablichten lassen!

Dies ging dann so weit, gerade auch vonseiten des DFB, dass sich Özil zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft genötigt fühlte aufgrund des ihm entgegengebrachten Rassismus. In einem Artikel auf Spiegel Online kann man seine drei Statements dazu im Wortlaut nachlesen. Und schon nimmt die Kampagne gegen Özil noch mal so richtig Fahrt auf, ganz vorn mit dabei natürlich Deutschlands Hetzpostille Nummer ein, die BILD, aber eben auch viele andere. Der Tenor: Özil sei doch selbst schuld, was lässt er sich auch mit einem Despoten wie Erdogan ablichten?

Doch zum Glück gibt es auch einige Artikel, die das Ganze etwas differenzierter betrachten, und auf diese möchte ich gern verweisen: Özil, der Deutsch-Türke von Tom Wellbrock auf neulandrebellenDer Fall Özil ist ein Fall Grindel von Jan Feddersen in der taz, Dem Türken wird hier nichts verziehen von Hasan Gökkkaya auf Zeit OnlineWenn Niedertracht und Scheinheiligkeit zusammentreffen – Deutschland, Özil und die Integrationsdebatte von Jens Berger auf den NachDenkSeitenKeine Frage der Identität von Roberto J. De Lapuente im neuen deutschland und Mesut Özil: Die Heuchelei um den Rücktritt von Rayk Anders in seinem Videoblog auf YouTube. Alles ausgesprochen lesens- bzw. sehnswerte Beiträge, die eben auch ein paar Aspekte mit ins Spiel bringen, die über das plumpe Sündenbockgezeter von BILD und Co. hinausgehen:

Als wie schlimm ist das Foto mit Erdogan tatsächlich zu bewerten?

Klar, Erdogan ist ein fieser Despot mit zunehmend antidemokratischen Tendenzen, da ist so ein Foto mit ihm mitten im Wahlkampf schon ein Statement, was bei vielen zu Recht nicht gut ankommt -bei mir persönlich übrigens auch nicht. Die Frage ist nur: Wie sehr sieht Özil das nun auch so? Er schreibt ja selbst, dass Erdogan für ihn vor allem der Präsident des Landes ist, aus dem seine Familie stammt und auch Teile seiner Familie noch leben. Haben andere Fußballspieler noch nie Fotos mit Politikern gemacht? O. k., das ist eine rhetorische Frage, denn alle erinnern sich noch an das gruselige Gepose mit Angela Merkel in der Spielerkabine bei der letzten WM. Bedeutet das nun auch, dass alle, die da mit auf dem Foto waren, Merkels unsoziale Politik unterstützen, die zudem noch Europa spaltet und dafür sorgt, dass es beispielsweise in Griechenland immer mehr Menschen am Elementarsten fehlt? Vermutlich war es eher so: „Hey, die Kanzlerin ist da, alle mit rauf aufs Foto!“

Eine weitere wichtige Frage: Hätte Özil denn die Möglichkeit gehabt, so ein Treffen mit Erdogan abzulehnen? Das wäre für den türkischen Präsidenten ein ziemlicher Affront gewesen, und ich könnte mir vorstellen, dass die Verwandten Özils in der Türkei dann nicht mehr so richtig viel zu lachen gehabt hätten.

Und letztlich muss man sich auch fragen: Wenn Erdogan also so ein verabscheuungswürdiger Despot ist – wieso sind wir dann noch mal mit dem zusammen in der NATO und müssen im Zweifelsfall für seine aberwitzigen Militäraktionen mit geradestehen? Das ist also o. k. – aber bitte kein Foto mit dem Typen schießen!

Was wäre, wenn Deutschland nicht kläglich ausgeschieden wäre, sondern ein erfolgreiches Turnier gespielt hätte?

Tja, vermutlich wäre dann alles super gewesen, und keiner hätte mehr über Özils blödes Erdogan-Foto gesprochen – erst recht nicht, wenn er vielleicht sogar entscheidenden Anteil am Erfolg des Teams gehabt hätte. Ist natürlich alles nur Spekulation, da es sich hier um ein hypothetisches Szenario handelt, aber meine lange Erfahrung mit Fußballfans sagt mir irgendwie, dass es schon ziemlich genau so abgelaufen wäre.

Auch das wird in einigen der verlinkten Artikel angesprochen: Wenn der als Ausländer wahrgenommene nützlich ist, dann ist alles in Butter, aber wehe, das ist nicht der Fall – dann wird demjenigen gleich mal zur Abgrenzung seine Fremdheit um die Ohren gehauen. Das haben neben Özil auch schon andere Fußballprofis so erlebt:

Mesut Özil steht nicht alleine da…

Gepostet von DW Sport am Montag, 23. Juli 2018

Hängt die Aufregung damit zusammen, dass Özil Muslim mit türkischen Wurzeln ist?

Das muss man wohl ganz klar bejahen. Dämliche Fotos mit fragwürdigen Politikern und sogar Despoten haben ja auch schon andere deutsche Nationalspieler gemacht, wie hier die NachDenkSeiten am Beispiel Horst Seehofer zeigen, der sich mit etlichen Bayern-München-Profis hat ablichten lassen (bestimmt auch nicht ohne Hintergedanken ob der Popularität heischenden Wirkung). Und was Seehofer für eine menschenverachtender Antidemokrat ist, davon konnten wir uns ja nun (nicht erst) in den letzten Wochen zur Genüge ein Bild machen.

Auch Torwartlegende Oliver Kahn posierte mit Herrschern, denen man wohl eine sehr große Demokratieferne unterstellen muss:

All die DFB-Funktionäre, Fans, Politiker u Journalisten, denen es bei ihrer Kritik selbstverständlich nie um Özils Herkunft ging, dürften ja jetzt Zeit haben, sich damit zu befassen…

Gepostet von Schantall und die Scharia am Montag, 23. Juli 2018

So kacke man Erdogan finden kann und sollte, aber die mittelalterlichen Kopf-ab-Monarchen da in Saudi-Arabien sind dann doch noch mal eine etwas andere Hausnummer, oder? Hat da also irgendjemand gehört, dass man sich darüber aufgeregt hätte, dass Oliver Kahn PR für solche Leute macht? Ich zumindest nicht …

Für Franz Beckenbauer mit seinem ans Groteske grenzenden Support das Regimes in Katar, wo die nächste Fußball-WM stattfinden wird, gab es wenigsten ein bisschen Kritik und mediale Schelte, aber eben noch lange nicht so massiv wie jetzt bei Özil. Und das, obwohl Beckenbauers Aussagen schon ausgesprochen politischen Charakter hatten und sich nicht nur auf ein Foto beschränkten.

Wie schäbig verhält sich eigentlich der DFB?

Dass der DFB als Verband sich nun nicht hinter seinen Nationalspieler stellt, sondern diesem in Form von Präsident Reinhard Grindel auch noch in den Rücken fällt, ist schon reichlich schäbig. Wenn man dann noch bedenkt, dass Grindel ein rechtskonservativer CDUler ist, dann betreibt hier jemand anscheinend nicht nur eine billige Sündenbocksuche, um bloß nicht sich selbst oder andere aus dem Führungskader nach dem sportlichen Reinfall infrage zu stellen (Bundestrainer Löw darf ja auch weitermachen), sondern auch noch politische Agitation auf dem Rücken eines jungen Mannes, der mehr für den Verband geleistet haben dürfte als jemand wie Grindel das jemals gelingen wird.

Der DFB hat kein Problem damit, dass die WM in einem Land wie Russland stattfindet, das nun auch einige demokratischer Defizite aufzuweisen hat, und dass die nächste WM im in dieser Hinsicht noch schlimmeren Katar steigen wird. Lothar Matthäus als Ehrenspielführer der Nationalmannschaft darf vollkommen selbstverständlich und kritiklos mit Wladimir Putin posieren, der zwar m. E. nicht der „Dämon“ ist, als der er oft in unseren Medien dargestellt wird, aber eben auch kein „lupenreiner Demokrat“ (um hier das dämliche Ex-Kanzler-Wort mal wieder zu bemühen). Und wenn man mal vier Jahre zurückdenkt, so hatte der DFB ja auch kein Problem damit, dass für die WM in Brasilien Umweltsünden en massen begangen wurden, Tausende Menschen aus ihren Wohnquartieren vertrieben wurden und die Polizei im Vorfeld und auch während der Spiele  gerade gegen die Ärmsten brutal wütete (s. dazu hier). Moralische Bedenken hatte man da nicht – mal davon abgesehen, dass so eine WM ja immer auch das Turnier eines hochgradig korrupten Verbandes, der FIFA, ist.

Und dann ist es aus Sicht des DFB auch o. k., dass Mercedes-Benz Özil aus den Werbefotos rausretuschiert, aber dass man generell sich sponsern lässt von einem Konzern, der nun gerade beim Abgasskandal gezeigt hat, dass Fairplay so gar nicht zu seinen Stärken gehört, darüber geht man beim DFB dann einfach so hinweg. Werte gelten eben nur für andere, in diesem Fall für Özil.

Ein Fußballer darf nicht, was die Politik noch in viel größerem Maße macht?

Angela Merkel machte aktive Wahlkampfhilfe für Erdogan und fuhr dafür sogar in die Türkei. Zudem machte sie ihn mit viel Geld zum Torwächter für die EU, indem er die Flüchtlinge aus dem Nahen Oste zurückhalten soll – und machte somit die EU ziemlich erpressbar.

In den letzten Jahren hat die Bundesregierung haufenweise Rüstungsexporte in die Türkei genehmigt. Mit diesen Waffen wird nun ganz konkret auf Kurden geschossen.

Trotz allem habe ich noch nicht gesehen, dass ein Mitglied der deutschen Regierung bei entsprechenden Anlässen nicht mit Erdogan auf einem Foto postiert hätte. Und nun wird einem Fußballspieler, dem man wohl nicht die politische Kompetenz eines Berufspolitikers unterstellen muss, ein Strick daraus gedreht, wenn er mit Erdogan auf einem Foto posiert. Ich weiß nicht – ich würde lieber noch 100 Fotos von Özil und Erdogan sehen, wenn dafür keine deutschen Panzer mehr in die Türkei verkauft würden …

Was richtet das Ganze bei jungen Türken in Deutschland an?

Fußball ist gerade auf der kleinen Ebene des Jugend- und Amateursports eine hochgradig integrative Sache. Man kann miteinander kicken, ohne die Sprache des andren zu können. In deutschen Fußballvereinen spielen ganz selbstverständlich Kinder mit den verschiedensten familiären Hintergründen zusammen, denn Fußball ist kein elitärer Sport, für den man erst mal eine Menge Geld für Ausrüstung oder Vereinsmitgliedschaft ausgeben muss.

Diese Kinder identifizieren sich mit der Nationalmannschaft, und gerade für diejenigen mit nicht deutschen Wurzeln war es eine tolle Sache, dass auch Spieler für das Team aufliefen, die selbst nicht in Deutschland geboren oder erst in zweiter oder dritter Generation in diesem Land leben. Das war ja auch genau immer ein gern erzähltes Narrativ seit einigen Jahren, denn so was lässt sich gut vermarkten, und zugleich wirkt man damit auch schön weltoffen (und überdeckt so, dass der deutsche Patriotismus immer ausgrenzend und chauvinistisch ist).

Diese Bild hat nun unübersehbare Risse bekommen, und gerade junge Türken werden diese nicht nur zu spüren bekommen, sondern dadurch auch ein Stück weit desillusioniert und dem Land, in dem sie Leben, entfremdet. Erdogan dürfte sich dabei reichlich ins Fäustchen lachen, denn genau aus dieser Frustration heraus, in dem Land, in dem man lebt, eigentlich nicht richtig anerkannt zu sein, spiest sich dann die Hinwendung zu vermeintlich starken Führertypen, die eine andere Identität anzubieten haben.

Da wurde groß gejammert, dass viele Deutschtürken bei der Wahl im letzten Monat für Erdogans AKP gestimmt haben (s. dazu hier), und dann haben DFB, viele Politiker und noch mehr Medien nichts Besseres zu tun, als nun genau das zu torpedieren, was jungen Menschen davon abhält, jemanden wie Erdogan gut zu finden.

Und dann kommt auch noch Uli Hoeneß um die Ecke …

Und als wenn das Ganze noch nicht übel genug wäre, meldet sich dann auch noch Steuerhinterzieher Uli Hoeneß in der Sport BILD zu Wort, wie  ein Artikel auf Spiegel Online berichtet, und putzt Özil noch mal so richtig runter. Der hätte ja seit Jahren „nur Dreck gespielt“, behauptet Hoeneß – und liegt dabei schon mal reichlich daneben. Wie sollte es denn sonst zu erklären sein, dass Özil 2011, 2012, 2013, 2015 und 2016 von Tausenden Fans zum „Nationalspieler des Jahres“ gewählt wurde (s. hier und hier) und seit 2009 mit Abstand die meisten Torvorlagen im Nationalteam gegeben hat (33 Stück)?

Vielleicht hoffte Hoeneß ja, auf diese Weise, indem er nämlich an dieser schmutzigen und rassistischen Kampagne noch mal ordentlich mitmischt, seinen Freunden von der CSU einen Gefallen zu tun, da diese ja in letzter Zeit bemüht sind, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu schüren, wo es nur geht. Wenn sich allerdings jemand mit sportlich haltlosen Aussagen und moralisch zweifelhafter Integrität auch noch in einem BILD-Erzeugnis derart äußert, dann sollte einem eigentlich klar sein, dass im Grunde das genaue Gegenteil von Hoeneß‘ stumpfsinnigem Geschwalle der Fall sein muss.

Ein CSU-Fan und ein CDU-DFB-Präsident gießen also aus der sogenannten Mitte (wieder einmal) mächtig viel Öl uns Feuer, um BILD und andere rechte Hetzer bei ihrer Stimmungsmache zu unterstützen. Wenigstens sieht man bei diesem widerwärtigen Schauspiel eines: Der unverkrampfte Patriotismus mit der multikulturellen deutschen Nationalmannschaft ist nur ein mediales Konstrukt, darunter brodelt der übliche stumpfe deutsche Rassismus und Nationalismus, die immer schon am Start waren, wenn es irgendwo schwarz-rot-gold wurde. Aber auch das ist nichts Neues, es wurde nur jetzt allzu deutlich sichtbar.

Eine kleine Randnotiz noch 

Viele von den Deutschen, die Özil massiv angegangen sind und das auch jetzt noch tun, haben sich dann im Verlauf des Turniers nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft für das Team aus Kroatien begeistern können. Dass in der Mannschaft einige Spieler mit offen faschistischen Ansichten spielen, wie ein Artikel in den Potsdamer Neusten Nachrichten aufzeigt, war anscheinend kein Problem, um dennoch mit denen zu sympathisieren. Oder ging es bei denen dann halt doch „nur“ um Fußball?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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