Warten auf Godot

Individualismus lehne ich ab. Das schrieb ich letztens hier auf unterströmt, und ich schrieb auch, warum. Nicht allen wird es gefallen haben, den Individualisten schon gar nicht. Vollkommen beabsichtigt von mir, denn Individualisten machen mich zornig. Genauso zornig machen mich die, die immer auf ihren Godot warten wollen. Richtig zornig die, die Individualisten sind und dann noch auf Godot warten wollen, mich und andere sogar dazu bringen wollen, es ihnen gleichzutun. Die nerven mich ganz gewaltig, die habe ich gefressen wie zwei Pfund Schmierseife.

Warten auf Godot

Samuel Beckett hätte sich wohl nie träumen lassen, wie viele dieser Tage seinen Protagonisten alle Ehre machen. Godot, der Heiland, auf den Estragon und Wladimir warten, der jedoch nie kommt, und dennoch warten sie, weil zu warten anscheinend das Einzige ist, was ihnen noch einfällt. Immer mehr Menschen erinnern mich an Estragon und seinen Freund Wladimir.

Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!

Wer immer nur wartet, der wird nie irgendwo ankommen

Wie in Samuel Becketts epochalem Bühnenstück kommen diese vielen Estragons und Wladimirs nirgendwo an. Sie bleiben an Ort und Stelle. Sie reden, klagen, beklagen, wehklagen, immer sarkastischer oftmals, je länger sie am Ort verweilen, sich nicht aufraffen können, selbst die Beine in die Hand zu nehmen. Was auch nicht weiter schlimm wäre, würde sich die Welt nur um sich selbst drehen. Macht sie aber nicht, auch wenn die Individualisten unter uns das wohl gern so hätten.

Die Welt bleibt nicht stehen, nur weil die Estragons und Wladimirs dies glauben mögen …

… im Gegenteil. Sie verändert sich, sie schreitet fort, mit Meilenstiefeln schreitet sie fort. Nur Estragon und Wladimir eben nicht. Die warten lieber auf Godot. Wie engstirnig oder überheblich, vielleicht auch beides, mag man eigentlich sein, wenn man zu den Estragons und den Wladimirs gehört?

Die Welt wird immer komplexer

Nichts ist, wie in den vielen Jahrhunderten zuvor. Schlimmer noch, leider entwickelt sie sich schneller als je zuvor, verändert sie sich rasant und schafft ein Dasein für uns, welches für immer mehr Menschen mehr Frust als Lust bedeutet. Aber anstatt das Dasein zu verbessern, an den Umständen etwas zu ändern, warten Estragon und Wladimir lieber auf ihren Godot. Kann man machen, muss man aber nicht.

Das Klima verschlechtert sich, nicht nur das in den Gesellschaften, sondern auch das des Planeten …

… egal, denn Godot wird’s schon richten, denken sie wohl und warten. Welcher Godot?, frage ich mich dann immer.

Das wäre alles nicht so schlimm, wenn ….

… sie nicht auch beständig auf mich und andere einreden würden, weiter zuzuwarten, mit kleinen Verbesserungen zufrieden zu sein. Das nervt, und zwar gewaltig. Sollen sie doch warten. Ihre Sache, ihr Recht, aber mich immer aufzuhalten zu versuchen, dazu haben sie kein Recht.

Weder die Bündnisgrünen noch andere haben ein Recht dazu, mich und andere aufhalten zu wollen. Schon gar nicht haben sie das Recht dazu, sich mir als Godot anzupreisen, um dann doch selbst nichts anderes sein zu wollen als Pozzo und sein Diener Lucky, immer nur im Möglichen verweilend, immer mehr das Augenlicht verlierend, wie Pozzo, und irgendwann dann stumm, wie Lucky.

Von den Pozzos und Luckys gibt es viele …

… genauso viele wie von den Estragons und Wladimirs. So jedenfalls mein Eindruck. Wirres Gefasel davon, was zuerst geschehen müsste, warum etwas nicht geht, warum es nicht gehen kann, wie es gehen kann, und dann doch nicht geht. Und immer mit irgendwelchen Wissenschaftlern im Hintergrund, meist denen aus der sechsten Reihe. Ihr glaubt gar nicht, wie mich das nervt. Es nervt mich fast so sehr wie die vielen Utopien, die anstatt schneller Lösungen die Runde machen, die meist nur eines wollen: das Rad neu erfinden.

Es ist nicht mehr langweilig, das war es einmal …

… nein, es nervt. Mich nervt es, wenn längst erkannte, erprobte Lösungen einfach ignoriert werden, wenn sich, Aposteln gleich, kleine Denker zu großen Denkern aufschwingen, oft sogar das Armageddon beschwören, wenn man ihnen nicht folgt.

Es nervt …

… mich vor allem dann, wenn endlich mal ein godotähnliches Wesen auf die Bühne zu treten wagt und dann von den gleichen Leuten mit Kritik, Skepsis, Spott, Häme und was ihnen sonst noch so einfällt, wieder vertrieben wird. Und das nur deshalb, weil es eben nicht Godot ist, weil es den Godot, den Heilsbringer, nämlich auch nicht gibt.

Greta und die Wartenden

Greta Thunberg, derzeit wohl die bekannteste junge Frau der Welt, macht gerade diese Erfahrungen. Jedenfalls meine ich, dies beobachten zu können. Die Estragons, Wladimirs, die Luckys und die Pozzos, alle vereint im Chor, überziehen sie mit Skepsis, Häme, Kritik, ja bis hin zu Verleumdungen. Nur weg mit ihr, scheint das einzige Ziel zu sein, nur weg mit ihr und ihrer Botschaft, scheint alle zu vereinen, den Estragon mit dem Wladimir, mit dem Lucky und dem Pozzo.

Weg mit ihr, denn …

… sie wollen ihre Ruhe wiederhaben, beim Warten, beim Philosophieren, beim Diskutieren, bei dem, was sie doch schon seit Jahren tun, was sie sich auch nicht von dieser kleinen Frau nehmen lassen wollen. So scheint es mir zumindest zu sein, diesen Eindruck gewinne ich immer mehr.

Wladimir und Estragon sind schier allgegenwärtig

Ganz egal, wer die Bühne betrat, die Wladimirs und die Estragons waren immer schon da. Diesen Eindruck habe ich schon lange, schon lange vor Greta. Immer mal wieder, immer wenn eine Gestalt ein wenig mehr ins Licht zu rücken scheint. Immer wenn sich eine Bewegung andeutet, sind sie da. Immer finden sie sofort eines oder mehrere Haare in der Suppe. Immer langweilen sie mich am Ende, machen mich zornig, denn immer wieder verdammen sie mich auch dazu, was sie scheinbar am liebsten tun: warten.

Es wird Zeit …

… endlich die Wladimirs und die Estragons, aber auch die Luckys und die Pozzos einmal aus dem Scheinwerferlicht zu drängen. Es wird Zeit, diese Menschen ins Dunkle zu schieben, denke ich. Denn ansonsten wird diese Gesellschaft weiterhin eine Wartehalle bleiben, und zwar so lange, bis wir alle gestorben sind, tot und begraben. Sehr lebendig sind wir jetzt schon nicht mehr.

Greta oder wer auch immer ist zwar nicht Godot, aber sie tut das, was wir längst hätten tun müssen. Sie fordert uns und die Mächtigen heraus. Endlich! Endlich ein Ende des Wartens …

… oder vielleicht doch nicht?

Die Estragons, Wladimirs, Luckys und Pozzos sind stark, das System ist auch deshalb stark. Ich hoffe, Greta und die anderen jungen Menschen weltweit werden stärker sein. Wir sind es leider bisher nicht gewesen.

Wir warten auch wohl deshalb lieber auf unseren Godot. Ein jeder für sich, individualistisch wohl auch jeder auf einen anderen. Wie dumm wir doch sind!

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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