Gedanken beim Wandern

Gerade war ich im Urlaub, und dort suchen wir dann immer die Natur auf und wandern viel. Da wir schon seit einigen Jahren an die Mosel fahren, kennen wir die Gegend dort recht gut, sodass sich auch Vergleiche zu den vorherigen Jahren ziehen lassen. Und diese können einen dann schon ein bisschen nachdenklich werden lassen …

Was beispielsweise in diesem Jahr besonders auffällig war: Der Wald ist krank. Es finden sich wesentlich mehr tote oder augenscheinlich kranke Bäume (teilweise ganze Baumgruppen), als dies noch vor einem Jahr der Fall war.

Klar, die letzten drei Jahre waren von ziemlich starker Dürre geprägt (wovon wir in Schleswig-Holstein in diesem Jahr zum Glück ziemlich verschont blieben), was zum einen den Bäumen schon mal per se zusetzt und zum anderen ideale Bedingungen für den Borkenkäfer schafft, der sich so bestens vermehren und die ohnehin schon angeschlagenen Bäume verheeren kann.

Dieser Umstand war mir schon klar, neulich hab ich ja bereits einen Artikel dazu in den Wochenhinweisen verlinkt, der den zunehmend schlechteren Zustand des Waldes und die daraus resultierenden Probleme der Forstwirtschaft thematisiert.

Und auch die Zahlen vom Statistischen Bundesamt zum Schadholzeinschlag sprechen eine deutliche Sprache, denn dieser hat sich 2019 im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdreifacht und machte knapp 68 % des gesamten Holzeinschlags aus.

Das zu lesen ist eine Sache, das dann auch direkt live im Wald mitverfolgen zu können ist noch mal was anderes. Der Klimawandel ist definitiv bereits bei uns angekommen, auch wenn das immer noch viele nicht wahrhaben wollen – zumindest was ihr Verhalten angeht.

Eine Wanderung führte uns dann auch durch ein Waldstück im Hunsrück, in dem Windanlagen standen. Das ist schon recht imposant, wenn man direkt vor den Dingern steht, als wenn man die nur aus der Ferne sieht. Vor allem auch gut zu sehen: Die können mitten im Wald stehen mit einer recht überschaubaren Freifläche rundherum, da müssen nicht ganze Wälder für abgeholzt werden, wie es ja Windkraftgegner immer wieder gern mal als Behauptung in die Welt setzen.

Und da wurde mir dann auch die Idiotie der „Argumentation“ derjenigen, die Windenergie massiv ablehnen bewusst, denn mir drängte sich folgender Gedanke auf: Wäre es nicht vielleicht sinnvoll gewesen, wenn schon vor Jahren noch ein paar mehr Bäume gefällt worden wären für mehr Windkraftanlagen, und dafür gäbe es dann vielleicht wesentlich weniger tote und kranke Bäume, da der Klimawandel dann langsamer vorangeschritten wäre?

Klar, ich weiß auch, dass man nur mit Windenergie in Deutschland das globale Phänomen der herannahenden Klimakatastrophe nicht einfach in den Griff bekommt, aber es ist einfach so offensichtlich: Die Folgen dessen, was die vermeintlichen „Waldschützer“, die sich gegen erneuerbare Energien positionieren, als nicht so relevant ansehen (nämlich den Klimawandel), zerstören gerade den Wald, und das in ganz großem Stil.

Mal abgesehen davon, dass Correctiv ja auch schon mal genauer recherchiert hat, ob denn gerodeter Wald tatsächlich mehr CO2 speichern würde, als durch die dort platzierte Windkraftanlage eingespart wird. Die Antwort ist sehr eindeutig zugunsten der Windkraftanlage, und zwar selbst bei konservativen Schätzungen zugunsten des Waldes ungefähr beim Faktor 1000 liegend.

Aber die Irrationalität der Windkraftgegner ist ja nun nicht nur an diesem Punkt festzumachen, sondern zieht sich durch deren gesamte Äußerungen (wie ich vor einiger Zeit schon mal in einem Artikel festgestellt habe). Gern werden da ja auch immer die toten Vögel bemüht, die durch Windanlagen umkommen. Das ist natürlich tragisch, andererseits sollte man dann eben auch berücksichtigen, was sonst noch so alles Vögel tötet. Ich hab zumindest auf in unserem Urlaub deutlich mehr tote Greifvögel an der Autobahn als in der Nähe von Windrädern gesehen. Auf der Facebook-Seite von Gehirnsalat fand ich dazu vor einiger Zeit mal eine schöne Grafik:

 

Na, hoppla … Man könnte ja die vermeintlichen „Vogelschützer“ mal fragen, was am ehesten abgeschafft werden sollte: Strom, Autoverkehr, Fensterverglasungen oder Katzen? Professor Volker Quaschning hat dazu vor einigen Jahren schon mal sehr pointiert einen kleinen Artikel auf seiner Website geschrieben und so die Absurdität der Windkraftgegnerargumentation bloßgestellt – nach wie vor lesenswert!

So was kommt eben dabei raus, wenn man einfach das Gerede der Unternehmen nachplappert, die mit dem Verbrennen von fossilen Energieträgern ihren Profit machen – und nicht in der Lage oder willens ist, PR von Journalismus zu unterscheiden. Klar, wenn die Konzerne aber auch genau das sagen, was von mir selbst keine Änderung oder gar Einschränkung erfordert, da ist dann die eigene Plauze immer so viel näher als das Hirn …

Doch leider waren diese Leute und die Lobbyisten der Energiekonzerne ja sehr erfolgreich im Beeinflussen der Politik, denn die Energiewende wurde in den letzten Jahren ja zunehmend ausgebremst, wie ich schon vor gut sechs Jahren in einem Artikel feststellte (und was seitdem ja auch hemmungslos so fortgesetzt wurde – von den absurden Abstandsregeln für Windkraftanlagen über den verschleppten Kohleausstieg bis zur finanziellen Schlechterstellung von eigengenutzten Solaranlagen).

Das Resultat sieht man heute, wenn man durch den Wald geht – super gemacht, ihr Honks!

Und als wenn das noch nicht genug wäre, um die unbeschwerte Urlaubsstimmung ein wenig zu trüben, gibt es da in der Gegend noch ein weiteres unübersehbares Zeichen dafür, was politisch in unserem Land zurzeit verkehrt läuft: die Hochmoselbrücke bei Ürzig.

Als wir vor einigen Jahren einen Schaukasten eine Bürgerinitiative gegen dieses Ding sahen, dachten wir erst, wir könnten unseren Augen nicht trauen: Da sollte doch tatsächlich ein riesiges Betonmonster in eine wirklich pittoreske Landschaft hineingezimmert werden, und das dann auch noch mit Zubringern, die eine Schneise mitten durch die herrlichste Natur schneiden würden.

Was dazukommt: Das Verkehrskonzept für diese Hochmoselbrücke stammt noch aus den 60er-Jahren und sollte dazu dienen, den Verkehr zu den US-Militärbasen im Hunsrück zu kanalisieren. Diese Militärbasen gibt es mittlerweile nicht mehr.

Aber dennoch wurde an dem Projekt festgehalten und das Ganze durchgezogen. Seit Jahren sahen wir schon diese Baustelle mit Grausen und verfolgten die Fertigstellung dieses Monsterbauwerks:

 

2015 schiebt sich die Brücke langsam über die Mosel
2018 von einer Wanderung aus fotografiert

Und nun wurde das hässliche Ding tatsächlich in Betrieb genommen. Tja, und wenig überraschend sieht es so aus, als hätten die Kritiker dieses Projekts komplett recht gehabt: Es fahren so gut wie keine Autos über diese Brücke, und von einer Verkehrsentlastung in den Orten an der Mosel (die immer von der Pro-Brücke-Fraktion als prognostizierter positiver Effekt vorgebracht wurde) in der Umgebung ist auch überhaupt nichts zu spüren.

Aber irgendjemand wird sich schon eine goldene Nase an diesem Brückenbau verdient haben. Korruption ist im deutschen Baugewerbe ja nun mal leider nichts mit Seltenheitswert.

Bei einer Wanderung kamen wir an der Schnellstraße vorbei, die zur Brücke führt, und das Ganze hat dann in etwa das Flair der ehemaligen innerdeutschen Grenze, denn um zu verhindern, dass Wild auf die Fahrbahn läuft, ist diese komplett von hohen Drahtzäunen umgeben und kann nur an wenigen Stellen via Brücken gequert werden.

Kaum befahrene Straße hinter Zäunen mitten in der Natur

Richtig schick, oder?

Was ja noch hinzukommt bei diesem ohnehin schon irrsinnigen Projekt: Der motorisierte Individualverkehr, für den dieses Monster gebaut wurde, ist ein Auslaufmodell, von dem wir uns schnellstmöglich verabschieden müssen, wenn wir die Klimakatastrophe noch in einigermaßen erträglichen Bahnen halten wollen. Leider ist das jedoch kaum der Fall, nicht nur in Form dieses Hochmoselübergangs werden nach wie vor Milliarden in Infrastruktur für Autos gebuttert – anstatt mit dem Geld den ÖPNV und die Bahn besser auszubauen, zuverlässiger und günstiger zu machen.

Kleiner Funfact am Rande: Die Befürworter dieser Monsterbrücke dürften eine große Schnittmenge mit denen haben, welche die „Verspargelung“ der Landschaft durch Windräder monieren. Womit wir dann wieder beim Thema vom Anfang dieses Artikels sind.

So bekommt man dann beim „Urlaub im Grünen“ auch schön aufs Brot geschmiert, wie zurzeit sehenden Auges unser Planet mit Vollgas vor die Wand gefahren wird. Tja, ich fürchte, das wird nichts mehr mit dem Abwenden oder auch nur Eindämmen der Klimakatastrophe …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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