Sachlich sächlich

Über Identitätspolitik und auch das damit verbundene Gendern von Texten habe ich ja vorletzte Woche schon mal einen Artikel geschrieben. Nachdem ich nun gerade für einen Kunden ein größeres Textdokument bearbeitet habe (ich bin freiberuflicher Lektor), in dem auch gendergerecht geschrieben werden sollte, ist mir eine Idee gekommen: Warum werden nicht einfach alle Substantive sächlich gemacht?

Ich finde nämlich, dass Texte mit gendergerechter Schreibweise nicht gerade besser lesbar werden. Das kann zum einen die Verständlichkeit beeinträchtigen, zum anderen sogar dazu führen, dass überhaupt nicht mehr weitergelesen wird.

Andererseits drückt sich natürlich auch die patriarchalische Grundhaltung unserer Gesellschaft, die nach wie vor besteht (auch wenn immer mehr Maskulinisten das absurderweise anders sehen – s. dazu einen lesenswerten Artikel von Susanne Kaiser in den Blättern für deutsche und internationale Politik), in der Sprache aus. Und dieses Patriarchat finde ich natürlich auch nicht eben besonders toll. Insofern kann ich das feministische Grundanliegen einer „Entmännlichung“ der Sprache schon auch nachvollziehen.

Was spräche nun also eigentlich dagegen, einfach alle Substantive sächlich zu machen?

Klar, das wäre erst mal etwas ungewohnt, wenn man das Arzt aufsucht, das Flasche Wein aufmacht oder das Katze streichelt.

Wenn ich mir allerdings anschaue, wie dann doch der eine oder andere Satz im Vergleich zum bisherigen Gendern aussähe, dann wäre das für mich schon eine ziemliche Verbesserung in puncto Lesbar- und Verständlichkeit.

„Jede*r Teilnehmer*in kann jeder/jedem anderen Teilnehmer*in etwas geben, was sie/er für sie/ihn als angebracht erachtet.“

„Jedes Teilnehmer kann jedem anderen Teilnehmer etwas geben, was es für ihn als angebracht erachtet.“

Also, allein schon beim Schreiben ging das mit dem zweiten Satz eben gerade deutlich flinker von der Hand. Und ich finde, dass es sich auch um einiges kommoder liest.

Nun kann man natürlich einwenden, dass die sächliche Form schon oft der männlichen recht ähnlich ist. Andererseits fällt dadurch eben auch weg, dass weibliche Formen quasi erst mit einem Anhängsel von der männlichen Form gebildet werden müssen – was ich durchaus auch schon öfter als feministischen Kritikpunkt an der Sprache gehört habe.

Natürlich würden BILD und andere dem Patriarchat verpflichtete Medien erst mal Zeter und Mordio schreien, vermutlich den Verfall der Kultur herbeifantasieren und damit auch eine Menge Leute auf ihre Seite ziehen können. Andererseits: Das ist ja zurzeit eh schon der Fall beim aktuellen Gendern von Texten. Also kein wirklicher Unterschied.

Zumal die Hardcore-Maskulinisten, die Susanne Kaiser in dem oben verlinkten Artikel beschreibt, sich eh nicht von ihrer Denke abbringen lassen, die ja auf wenig Realität und vielen Kastrationsängsten zu basieren scheint. Also müsste man deren Gekeife einfach mal ertragen – denn die keifen ja eh schon die ganze Zeit. Also auch kein wirklicher Unterschied.

Und ich glaube, dass nach einer gar nicht mal so langen Zeit sich die Deutschen einfach an sächliche Hauptworte gewöhnen würden. Sprache ist ja eh in einem dauernden Wandel, das bemerke ich ja schon berufsbedingt bei jeder neuen Ausgabe des Duden, und so würde auch diese Vereinheitlichung der Substantivgeschlechter aller Wahrscheinlichkeit nach schon bald für die meisten selbstverständlich sein.

Denn auch wenn das für uns Deutsche nun zunächst mal recht schräg klingen mag: Für alle Menschen in englischsprachigen Ländern ist das eine Selbstverständlichkeit, dort gibt es nur „the“.

Jetzt kann man sich natürlich noch die Frage stellen, ob denn beispielsweise in Großbritannien oder den USA auch keine patriarchalen Strukturen bestehen, da ja dort quasi schon immer gendergerecht gesprochen und geschrieben wird. Wenn das nämlich so wäre, dann scheint ja die Sprache zumindest nicht der wesentliche Faktor zu sein, um solche Strukturen aufrechtzuerhalten, sondern diese würden auf ganz anderen Dingen basieren. Und die könnte man dann auch endlich mal angehen, ohne sich dabei andauernd mit * und / zu verzetteln.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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