Shoppen, Snacken, Surfen, Smartphone – Hauptsache im Dauerkonsummodus

Black Friday, Cyber Monday oder gleich eine ganze Cyber Week hintendran, und dann geht’s gleich über in den vorweihnachtlichen Geschenketaumel – zurzeit wird die Bevölkerung mal wieder kollektiv in den totalen Konsumrausch versetzt mit ködernden Billigangeboten. Mich erinnert das ja immer ein bisschen an den wunderbaren Film Idicocracy, in dem in einer dystopischen Zukunft die mittlerweile vollkommen verblödete Menschheit überall mit Werbebotschaften, die vor allem vollkommen unverblümt „Kauf, kauf, kauf!“ postulieren, bombardiert wird.

Und wenn man sich das mal ein bisschen genauer betrachtet, sind wir auch gar nicht mehr allzu weit von der Idiocracy-Welt entfernt, denn neben den aktuell gerade besonders auffälligen Aufforderungen, sich in den Kaufrausch zu begeben, sind wir (also so als Gesellschaft im Ganzen) auch sonst eigentlich mittlerweile in einem Zustand des permanenten Dauerkonsums angekommen.

Eigentlich sollte Konsum ja etwas Zielgerichtetes sein: Ich brauche etwas, also schaue ich, wo ich das am besten bekommen kann, und erwerbe es dann. Soweit die Theorie, die von einigen Menschen so auch noch praktiziert wird. Allerdings ist Konsum mittlerweile offenbar immer mehr zum Selbstzweck geworden, bei dem es gar nicht darum geht, etwas konkret Gewolltes zu kaufen, sondern sich einfach von der Angebotsseite verführen zu lassen, ständig und überall etwas zu konsumieren.

Einige Beispiele, die das veranschaulichen:

Shoppen

Shoppen ist ja was grundsätzlich anderes als Einkaufen. Bei Letzterem benötigt man etwas, macht sich vielleicht sogar eine Einkaufsliste, geht dann in die entsprechenden Geschäft, kauft den Kram und geht wieder nach Hause.

Beim Shoppen stehen nun nicht Dinge im Vordergrund, die man benötigt, sondern der Vorgang des Kaufens. Dafür zieht man dann, oft ohne konkrete Vorstellungen, was man denn überhaupt haben möchte, durch die Läden und Einkaufspassagen, schaut sich alles Mögliche an, um sich dann eben irgendwann etwas zu kaufen, was man gerade gern haben möchte, weil es toll aussieht, günstig ist oder sonst irgendwie zum Erwerb verführt.

Während also Einkaufen ein Vorgang ist, der von der Nachfrageseite dominiert wird, ist Shoppen etwas, das vom Angebot bestimmt wird: Das, was entsprechend präsentiert wird, wird überhaupt nur wahrgenommen und dann ggf. gekauft.

Das Ganze wird dann auch schon mal gern als Event mit Freunden zelebriert, da verbringt man dann seinen Nachmittag damit, gemeinsam shoppen zu gehen.

Oft genug verschwinden die geshoppten Sachen dann auch schnell im Schrank oder sonst wo, wo sie nicht wirklich verwendet werden, denn letztlich ist ja der eigentliche Reiz, nämlich etwas zu kaufen, in dem Moment vorbei, wo an der Kasse bezahlt wird. Was dann auch erklärt, warum die Deutschen beispielsweise pro Kopf im Schnitt so irre viel Klamotten kaufen. Die können dann auch ruhig billig sein und nicht viel aushalten, denn wenn man sie vielleicht einmal angehabt hat, dann muss eben bei der nächsten Shoppingtour schon wieder was Neues her.

Und während dann also in Südostasien in Fabrikationshöllen Menschen in 16-Stunden-Schichten unsere Klamotten möglichst billig zusammenklöppeln und Kinder in Afrika seltene Erden aus dem Boden kratzen, laufen hier regelmäßig die Altkleiderboxen über und gammeln immer mehr Smartphones nach kurzer Nutzungsdauer in Schubladen herum …

Snacken

Dass es „snacken“ mittlerweile als eigenes Verb gibt, das einem in der Werbung permanent um die Ohren gehauen wird, zeigt, dass mehr an dieser Tätigkeit dran sein muss, als dass einfach nur ab und zu mal zwischendurch eine Kleinigkeit (eben ein Snack) gegessen wird, wenn es bis zur nächsten Mahlzeit noch zu lange hin ist.

Snacken hat so mittlerweile quasi die Bedeutung, dass man sich andauernd irgendwas zwischendurch zu essen reinpfeift, einfach weil es lecker ist. Hauptsache, man belohnt sich selbst mit ein bisschen Fresskonsum immer wieder im Laufe des Tages – in einem Land, in dem Adipositas stetig weiter um sich greift und Diätprodukte ständig und überall präsent sind, schon ein bisschen absurd.

Da wird dann eben durchaus auch damit geworben, dass man ja was Gesundes snacken könnte. Klar, kann man aber auch lassen, das wäre so ernährungstechnisch dann wohl das Gesündeste, wenn man sich nämlich auf seine eigentlichen Mahlzeiten fokussiert.

Aber das passt natürlich nicht damit zusammen, dass der brave Konsument auch ständig und überall entweder was zum Essen oder Trinken kaufen soll oder sich vor dem Losgehen einsteckt. Möglichst dann natürlich in Plastik verpackt.

So werden wir dank Snacken quasi zu kleinen Kindern, die an der Supermarktkasse stehen und dabei in die Bonschi-Regale schauen – nur dass wir als Erwachsene eben nicht quengeln müssen, um dann irgendwas zu bekommen, sondern uns den Kram zum Snacken einfach selbst kaufen können.

Surfen

Im Internet zu surfen ist ja mittlerweile die gängige Beschreibung dafür, dass man im Netz unterwegs ist.

Für mich hat das allerdings so was wie früher das Zappen im Fernsehen, nämlich etwas Zielloses, bei dem man gar nicht so genau weiß, was man da nun eigentlich will, sondern sich eben von dem berieseln lässt, was so dargeboten wird – und wenn das einem nicht zusagt, dann wabert man eben weiter zum nächsten Angebot.

Klar, die Fülle dessen, was man im Internet so alles sehen und hören kann, ist schon enorm, umso wichtiger finde ich es eben, da gezielt vorzugehen und sich zu überlegen: Was will ich eigentlich gerade? Dann surft man allerdings nicht …

Und das Surfen findet sehr oft nahezu permanent statt, nämlich mit dem Smartphone.

Smartphone

Immer mehr (vor allem auch junge) Menschen haben einen schädlichen Medienkonsum. Das Smartphone ist immer griffbereit, und mittlerweile ist es ja schon fast so, dass mehr Menschen beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln in ihre Telefone starren, als mal aus dem Fenster zu gucken. Und dabei konsumiert man eben auch permanent, denn viele der Angebote sind ja gewerblich und/oder knallen den Usern dann zumindest eine Menge Werbung vor den Latz.

So werden viele Menschen zum Dauerkonsumenten, immer öfter auch nur häppchenweise jede mögliche Minute nutzend, wenn beispielsweise jemand, mit dem man zusammen unterwegs ist, mal kurz auf Toilette oder sonst wohin verschwunden ist, oder sogar (was ich nach wie vor extrem unhöflich finde) in Anwesenheit von anderen Personen, mit denen man sich sonst eigentlich hätte unterhalten können.

To-go-Kultur

Was das Smartphone fürs Surfen ist, sind in etwa die To-go-Produkte fürs Snacken: Das ist nun eigentlich immer und überall verfügbar. Klar, Imbisse und Kioske gab’s schon immer, wenn man sich unterwegs mal schnell was zu essen oder trinken reinpfeifen wollte, und so ein Angebot ist ja auch grundsätzlich sinnvoll. Aber dass man nun quasi ständig Menschen sieht, die irgendwas to go zu sich nehmen, ist dann schon was anderes, finde ich.

Das macht vor allem nicht nur eine Menge zusätzlichen Müll, sondern ist eben auch bezeichnend für die Konsumhektik, die ich vor ein paar Jahren schon mal als Zeitgeistphänomen beschrieben habe: Man nimmt sich nicht mehr die Zeit, sich beispielsweise für eine Tasse Kaffee an einen angenehmen Ort zu setzen und diese dort genussvoll, eventuell sogar in Gesellschaft, zu trinken, sondern schüttet sich das Zeug rein, wenn man gerade unterwegs ist. Klar, das ist natürlich sehr zeitoptimierend, aber sollte das wirklich der Maßstab für den Konsum eines Genussmittels sein?

 

Unser Wirtschaftssystem braucht solches Konsumverhalten natürlich, allein schon aufgrund des Wachstumsdogmas. Schließlich benötigt man fürs Konsumieren auch Zeit, und da ist es dann ja optimal, wenn man das quasi einerseits zum Selbstzweck, andererseits als Dauerzustand betreibt. Dazu ist es eben auch wichtig, dass das Konsumieren nicht mehr zielgerichtet ist im Sinne einer Kausalität, die vom Bedürfnis oder Willen des Konsumenten ausgeht und dann zum Erwerb oder Nutzen einer bestimmten Sache führt, sondern dass sich die Konsumenten möglichst ziellos ins ihnen offerierte Angebot fallen lassen.

Was die Anhänger eines möglichst hohen Bruttoinlandsprodukts (BIP) also freut, ist dann leider auf der anderen Seite schlecht für die Umwelt und fürs Klima, da all die konsumierten Dinge ja unter Aufwendung von Ressourcen hergestellt und später dann deren Überreste (oft in Form von Verpackungen) auch noch entsorgt werden müssen. Ach ja: Und glücklich macht das Ganze zudem auch nicht, sondern eher das Gegenteil ist der Fall: Wer wirklich glücklich ist, kauft nicht, wie ich vor einigen Jahren schon mal in einem Artikel ausgeführt habe.

Da jedoch, wie die hier aufgezeigten Beispiele verdeutlichen, dieser Dauerkonsum mittlerweile für viele Menschen eine Art Selbstverständlichkeit geworden ist, wird es wohl auch schwer, davon wieder ein Stück weit wegzukommen. Da die Angebotsseite wohl kaum freiwillig Einschränkungen vornehmen wird und die Nachfrageseite auch nicht eben erpicht auf materiellen Verzicht ist, was zu einem großen Teil an der jahrzehntelangen neoliberalen Indoktrination liegt, würde das nur mit Ver- und Geboten gehen vonseiten der Politik

Aber da will ja eben auch so gut wie niemand ran, denn der Umgang von BILD und Co. mit den Grünen, die ja immer wieder (fälschlicherweise) als Verbotspartei diffamiert werden, ist da wohl warnendes und abschreckendes Beispiel genug.

Schade eigentlich, denn ein Umdenken und ein wirklicher gesellschaftlicher Wandel wären hier ausgesprochen wichtig.

print

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Schreibe einen Kommentar