Schuld sind immer die anderen

Vorhin sah ich einen Beitrag auf Facebook auf der Seite Mensch und Politik heute, in dem es darum geht, dass Menschen, die bei fiesen Konzernen einkaufen, sich nicht über verfallende Infrastruktur beschweren sollten, da ebendiese Unternehmen so gut wie keine Steuern zahlen. Die Reaktionen darauf waren dann sehr bezeichnend, wie ich finde.

Doch zunächst mal das Meme, um das es geht:

Und hier dann einige der Reaktionen darauf:

Und so weiter, und so fort …

Nun kann man ja nicht sagen, dass da nichts dran wäre, und ich selbst habe ja auch schon einige Male in Artikeln beschrieben (z. B. hier, hier und hier), dass sich das Angebot seine Nachfrage schafft. Auch der Einfluss von Unternehmen mittels Korruption und Lobbyismus ist hier in diesem Blog ja eines der Dauerthemen. Und dann gibt es auch noch schlaue Leute wie Thilo Bode oder Kathrin Hartmann, die beschreiben, dass der Einzelne so gut wie keine Möglichkeit hat, tatsächlich durch seinen Konsum größeren Einfluss beispielsweise auf Ausbeutung und Umweltzerstörung in Lieferketten auszuüben.

Also ist das doch alles richtig, was die Kommentatoren unter dem Meme so anmerken, oder?

Nun, hier kommt nun allerdings schon noch ein sehr großen ABER, wie ich finde. Oder sogar ein paar mehr davon …

Natürlich werden jedes Jahr Hundert von Milliarden Euro für Werbung, Marketing und PR ausgegeben, und dem haben etliche Menschen nicht so richtig viel entgegenzusetzen. ABER dennoch hat jeder doch auch eine Eigenverantwortung für sein Handeln. Und es verhält sich ja auch nicht jeder wie ein Konsum-Junkie (auch wenn ich mir des Einflusses der jahrelangen entsprechenden Indoktrination schon bewusst bin, s. dazu beispielsweise hier und hier), sondern es gibt eine Menge Menschen, die sehr auf Nachhaltigkeit bedacht sind und genau schauen, was sie wann wo kaufen – und die für sich selbst auch Einschränkungen in Kauf nehmen, beispielsweise keine Flugreisen mehr machen, kein oder weniger Fleisch essen (obwohl sie es gern mögen) oder eben nicht bei Amazon kaufen, obwohl sie dort etwas für 3,50 Euro günstiger bekommen würden als anderswo.

Insofern stimmt es natürlich, dass die Politik dafür verantwortlich ist, internationale Konzerne so zu besteuern, dass auch sie einen Teil zum Erhalt der Infrastruktur, von der sie selbst profitieren, leisten – da kann in der Tat kein Endverbraucher irgendwas dran drehen. Der Endverbraucher kann ABER bei Unternehmen, die ganz bewusst „Steuersparmodelle“ nutzen und die Politik auch entsprechend beeinflussen, damit sie weniger Steuern bezahlen müssen, dann auch einfach nicht mehr einkaufen. Damit ändert er zwar wenig am Gesamtsystem, aber dennoch ist das zumindest ein Statement: „Ich mach da nicht mehr mit!“ Allerdings sind viele dafür dann doch zu bequem – und genau diese Haltung soll m. E. mit dem Meme kritisiert werden.

Darin werden ja nun auch keine Dinge aufgeführt, die der Einzelne überhaupt nicht bewusst konsumieren kann – oder eben auch nicht. Ein Beispiel: Auf den energetischen Zustand des Hauses, in dem man seine Mietwohnung hat, hat man so gut wie keinen Einfluss, und mal eben so die Wohnung zu wechseln ist ja nun auch nichts ganz Umkompliziertes – zumal in Zeiten von explodierenden Wohnungsmieten. Wo ich mir allerdings was zu essen oder trinken kaufe (zumal für unterwegs), meine Möbel besorge oder Konsumgüter bestelle, dass kann ich ABER schon sehr genau beeinflussen. Genauso wie die Entscheidung, zu McDonald’s oder Starbucks zu gehen oder Sachen bei Amazon zu ordern, kann man ja auch ebenso bewusst entscheiden, das nicht zu machen. Und es ist ja in der Regel nichts Lebensnotwendiges, was man dort bekommt.

Selbstverständlich haben die Kommentatoren recht, wenn sie da auch die Politik in der Pflicht sehen, die schon seit Jahren vor allem als Dienstleister für ebensolche Großkonzerne agiert. ABER die Politiker, die dafür verantwortlich sind, sind ja nicht einfach so vom Himmel gefallen, sondern wurden gewählt. Gerade bei der letzten Bundestagswahl meinten ja 95 % der Wähler, dass solche neoliberal-marktradikale Politik eine gute Sache sei, sodass sie dann eben auch neoliberal-marktradikale Parteien gewählt haben, die dann u. a. dafür sorgen, dass transnationale Unternehmen sich vor ihren Steuerzahlungen drücken können.

Wenn ich in einem Restaurant Schnitzel bestelle, ist es auch ein wenig albern, wenn ich mich dann beschwere, dass da ja ein Stück Fleisch auf meinem Teller zu finden ist.

Ich sehe ja auch die hauptsächliche Bringschuld, solchen Konzernen Grenzen in ihrem unsozialen und unökologischen Treiben zu setzen, bei der Politik. Genauso wie auch die Politik die wirklich dicken Bretter beim Klimaschutz bohren muss. ABER das bedeutet nun nicht, dass der Einzelne komplett raus ist aus der Nummer. Niemand wird gezwungen, einen SUV zu fahren, eine Kreuzfahrt zu buchen, jeden Tag Billigfleisch zu essen, ständig in den Urlaub zu fliegen, jeden Modetrend mitzumachen oder ständig das neuste Handy zu kaufen.

Es würde sich m. E. vor allem dann was bewegen, wenn beide Seiten, also die Politik und die Endverbraucher, Druck auf die Wirtschaft ausüben würden. Sonst kann sich nämlich immer einer auf den anderen rausreden.

„Ja, aber die Politik macht ja nichts dagegen, dass solche Konzerne keine Steuern zahlen und ihre Mitarbeiter ausbeuten!“

„Ja, aber die Verbraucher wollen das ja nun mal so haben!“

Der lachende Dritte sind dann halt die Unternehmen, die einfach so weitermachen können mit ihrem destruktiven Gebaren.

Wichtig ist es eben, zu erkennen, wo jeder Einzelne was machen kann und wo nicht. Einfacher ist es natürlich, immer nur auf „die Politik“ zu verweisen und selbst alles so weiterlaufen zu lassen wie bisher, weil man dann doch auf nichts verzichten oder eventuelle Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen möchte.

Insofern sollte der eigentlich richtige Verweis auf die politischen Ursachen für konkrete Missstände kein Feigenblatt für eigene egoistische Inaktivität sein. Was vor allem dann zur Groteske gerät, wenn man immer wieder die politischen Parteien wählt, die man als Ursache für Probleme ausgemacht hat.

Also sollte jeder erst mal bei sich selbst anfangen mit den Sachen, die er selbst ändern kann, und dabei auch immer im Blick behalten, was an die politische Administration delegiert werden muss. Wenn das dann beides zusammenspielt, dann können vielleicht auch mal wirkliche Änderungen eintreten.

Der ständige Verweis auf die Schuld und Verantwortung von „den anderen“ zementiert hingegen Zustände nur immer weiter. Und davon haben nur die etwas, die ohnehin schon auf Kosten aller anderen von Missständen profitieren.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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