Verschwörungstheorien

In letzter Zeit ist wieder vermehrt der Begriff der Verschwörungstheorien medial präsent, gerade auch im Zusammenhang mit den neuen Montagsdemos/Mahnwachen. Ich finde diese Begriff grundsätzlich recht problematisch, da darunter viele Dinge subsumiert werden, die nicht zusammenpassen und da er auch verwendet wird, um bestimmte Ansichten und Denkweisen in Form eines Totschlagarguments zu diskreditieren.

Das Misstrauen, was man diesem Begriff gegenüber haben sollte, fängt schon mal auf der sprachlichen Ebene an: Es wird quasi impliziert, dass es nicht vorkommt, dass bestimmte Menschen oder Gruppierungen sich im Geheimen absprechen (also verschwören), um Dinge nicht öffentlich werden zu lassen, da dies ihren Interessen nicht zuträglich wäre. Dass es Verschwörungen immer schon gab und gibt, wo Menschen aufeinandertreffen, ist hingegen eine Tatsache, die sich schlecht leugnen lässt: Mobbing basiert beispielsweise immer auch auf einer Verschwörung, da über eine Person bewusst Unwahrheiten verbreitet werden, wobei die Wahrheit dann tunlichst verheimlicht werden soll. Auch die Strafbestände der Verleumdung und der üblen Nachrede wurden sich ja nicht einfach so ausgedacht, sondern spiegeln gesellschaftliche Realität wider, und im Endeffekt geht es dabei ja auch nur um nichts anderes, als dass die Wahrheit nach Absprache unter einigen Personen verheimlicht werden und die Unwahrheit verbreitet werden soll.

Sobald solche Vorgänge allerdings ein größeres Maß annehmen und vor allem auch von medialer Berichterstattung begleitet werden, bekommen sie schnell das Label Verschwörungstheorie angeheftet. Dabei hat uns die Geschichte schon mehrfach gelehrt, dass nichts grotesk, widerwärtig und absonderlich genug sein kann, um nicht wahr zu sein. Ein paar Beispiele für Verschwörungstheorien, die dann doch keine waren:

  • Sehr präsent ist ja zurzeit die NSA-Affäre. Vor den Enthüllungen von Edward Snowden wäre bestimmt niemand auf die Idee gekommen, dass Geheimdienste in dem Maße Bürger befreundeter Länder ausspionieren. „Der US-amerikanische Geheimdienst überwacht unsere sämtliche Kommunikation im Internet und sogar das Handy von Angela Merkel und speichert dies alles auf riesigen Festplatten, die ein mehrtausendfaches Datenvolumen sämtlicher Stasi-Akten umfassen“ – vor eineinhalb Jahren wäre diese Aussage noch von nahezu allen Menschen in Deutschland als Verschwörungstheorie klassifiziert worden.
  • Dass in Deutschland rechte Terroristen unter dem Namen NSU über Jahre hinweg mehrere Menschen ermorden und dabei vom Verfassungsschutz unterstützt und gedeckt werden, wäre vor ein paar Jahren auch noch von den meisten als Verschwörungstheorie abgetan worden. Am Verlauf des derzeitigen Prozesses (siehe dazu zum Beispiel diesen Artikel der Blätter für deutsche und internationale Politik), an den zahlreichen Ermittlungspannen sowie an dem Ableben nun schon mehrerer Zeugen (s. dazu exemplarisch hier) wird deutlich, dass da nach wie vor einiges vertuscht und geheim gehalten werden soll von Menschen, die sich genau dazu verschworen haben.
  • Hätte man im Jahr 1942 ganz normale Bürger in Europa mit der Tatsache konfrontiert, dass Millionen von Menschen aus unterschiedlichsten Gründen als unwert gelten und deshalb in riesigen Todeslagern systematisch und auf bestialische Weise vernichtet werden, so hätte man bestimmt kein Verständnis, sondern nur Ungläubigkeit entgegengebracht und (sofern der Begriff da schon vorhanden war, was ich gerade nicht weiß) „Verschwörungstheorie“ zu hören bekommen. Zu unfassbar und unvorstellbar wäre das Grauen gewesen, als dass dies für nicht Involvierte vorstellbar gewesen wäre – und genau das wird der Grund gewesen sein, wie eine solche gigantische Vernichtungsmaschinerie weitgehend geheim gehalten werden konnte.
  • Dass John F. Kennedy von Lee Harwey Oswald erschossen wurde, erscheint heute als unwahrscheinlichste aller Erklärungen zu seinem Tod, wenngleich dies die offizielle Version war und alles andere zunächst mal als Verschwörungstheorie galt.

Die Menschen wollen eben nicht glauben, dass sie von ihrer eigenen Regierung massiv belogen und hintergangen werden, was ja auch durchaus verständlich ist. Im Kleinen ist das Vertrauen in die Politik mittlerweile ziemlich geschwunden, was man daran sieht, dass Wahlversprechen kaum noch ernst genommen werden und eine zunehmende  Politikverdrossenheit zu beobachten ist. Aber in so großem Stil? Die Erkenntnis, dass die eigene Regierung, an deren Wahl man selbst beteiligt war, übelste Verbrechen begeht, ist eine Erschütterung des Grundvertrauens in unser gesellschaftliches Zusammenleben, sodass viele Menschen hier verständlicherweise erst einmal reflexartig abwehren und allzu gern den Begriff der Verschwörungstheorie aufgreifen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Dass nicht nur in den oben aufgezählten Fällen von genau diesen Regierungen schon sehr oft und mit erheblichen Folgen, zum Beispiel um Kriege zu beginnen, gelogen wurde, sollte man dabei nur nicht außer Acht lassen: Um 5.45 Uhr wurde eben nicht zurückgeschossen, Saddam Hussein hatte dann doch keine Anlagen zur Herstellung biologischer Kampfstoffe, und auch Tonkin wurde inszeniert, um einen Grund für einen Kriegseintritt zu haben. Die katastrophalen Folgen für das eigene Volk (und natürlich auch für die Menschen anderer Völker, dies in der Regel noch in deutlich größerem Maße) sind bekannt. Auch hier haben einige wenige Menschen Legenden erdacht, diese dann verbreitet und keinen Widerspruch geduldet. Der Unterschied aus heutiger Sicht zu dem, was als Verschwörungstheorien bezeichnet wird: Hier sind die Lügen irgendwann aufgeflogen.

Was es m. E. leicht macht, kritisches Denken als Verschwörungstheorie abzukanzeln, ist, dass es natürlich immer auch Menschen gibt, die von geheimen Organisationen mit merkwürdigen Ritualen ausgehen, die das Weltgeschehen lenken. So etwas wirkt natürlich erst mal immer suspekt. Auch die Anschuldigung, dass bestimmte Gruppen alles auf dieser Welt planen würden (wie zum Beispiel die unsägliche immer wieder propagierte zionistische Weltverschwörung), ist nicht wirklich förderlich dafür, wenn es darum geht, über den Tellerrand dessen hinauszublicken, was uns tagtäglich als offizielle Erklärungen der Geschehnisse auf dieser Welt serviert wird. Hier nun allerdings solche Vorstellungen als allgemein gültig für jedes kritische Denken anzuwenden, um dieses zu unterbinden und ihm seine Substanz zu entziehen, ohne sich damit auseinandersetzen zu müssen, halt ich für ausgesprochen unlauter.

Zwei Dinge sollte man im Hinterkopf behalten: Zum einen gibt es bestimmte Kreise von Menschen, die sich nicht organisiert haben müssen (wenngleich die Bilderberg-Konferenzen natürlich schon ganz real stattfinden), aber durchaus gleiche Interessen haben – und eben auch die entsprechende Macht in Form von sehr viel Geld, um diese Interessen durchzusetzen. Über diese sogenannten Superreichen habe ich ja vor einiger Zeit schon mal einen Artikel hier auf unterströmt geschrieben, und auch die Konzentration von Marktmacht (147 Unternehmen kontrollieren 40 Prozent der weltweiten Unternehmenswerte, s. dazu hier) in den Händen von einigen Großkonzernen weist auf diesen Umstand hin. Wenn diese Kreise dann auch noch über die entsprechenden publizistischen Kapazitäten verfügen, dann braucht es nicht mehr viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie man die öffentliche Meinung bilden kann, damit sie den eigenen Interessen dienlich ist. Schon Paul Sethe, einer der Gründungsherausgeber der FAZ, schrieb ja 1965: Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. In der heutigen Zeit, wo auch in der Medienlandschaft eine Konzentration auf immer wenige Großkonzerne (beispielsweise Springer und Bertelsmann in Deutschland) vorzufinden ist, trifft dies sicher noch in stärkerem Maße zu. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Arbeitsbedingungen von Journalisten auch nicht eben besser geworden sind, sodass diese häufig genötigt sind, Artikel einfach von den sogenannten Leitmedien zu übernehmen oder vom DPA-Ticker abzuschreiben (s. dazu das NDR-Interview mit Gabriele Krone-Schmalz), so stellt man fest, dass es hier gar keine Verschwörungen braucht, um die öffentliche Meinung hinreichend zu beeinflussen.

So ergibt sich folgendes Bild: Die offizielle Schilderung von Geschehnissen ist grundsätzlich wahr, alles, was dem entgegensteht wird schnell als Verschwörungstheorie gebrandmarkt. Dies soll und m. E. davon abhalten, mal ein bisschen weiter zu denken, Dinge zu hinterfragen und auch mal eigentlich unmöglich erscheinende Hypothese zu diskutieren (wobei sich solche ja schon oft genug auch als wahr herausgestellt haben), und das ist immer sehr gefährlich. Insofern: Finger weg vom Begriff Verschwörungstheorie – und Obacht vor denjenigen, die diesen Begriff verwenden!

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

4 Gedanken zu „Verschwörungstheorien“

  1. In diesem Heise-Interview mit Uwe Krüger, dem Autoren des Buches Meinungsmacht, wird deutlich, wie sehr Journalismus und Lobbyorganisationen, die die Interessen der sogenannten Eliten vertreten, miteinander verzahnt sind. Für kritische Köpfe nichts ganz Neues (was Krügers Verdienst der wissenschaftlichen Untersuchung dieses Phänomens nicht schmälern soll, sein Buch dürfte hochinteressant sein), allerdings auch etwas, das nicht selten mit dem Begriff Verschwörungstheorie belegt wird, wenn man es denn mal anspricht.

  2. LobbyControl berichtet über das Bilderberg-Treffen 2014, das gerade in Kopenhagen stattfand. Wie man sieht, findet auch hier wieder ein reger Austausch der sogenannten Eliten statt, die hier ihre Netzwerke knüpfen. Mit dabei diesmal vonseiten der deutschen Journaille nicht mehr die Zeit, sondern Springer-Chef Mathias Döpfner. Auch dabei: Jörg Asmussen. Hier hat vor einiger Zeit in einem amüsanten Beitrag für Stoersender.TV H. G. Butzko aufgezeigt, dass Jörg Asmussen reales Wirken in der Tat skurriler ist, als es die besten Verschwörungstheorien sich ausdenken könnten.

  3. Gerade wird ja nach den Anschlägen von Paris und als Reaktion auf kritische Stimmen zu durchaus vorhandenen Ungereimtheiten der offiziellen Version der Geschehnisse wieder massiv mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“ um sich geschmissen. Einen trefflichen Artikel von Paul Schreyer zu diesem Thema findet man auf Telepolis.

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