Die vierte Welle

Jetzt ist sie also da, die vierte Welle in der Corona-Pandemie. Wenig überraschend, denn dass eine Atemwegserkrankung im Herbst stärker auftritt als im davorliegenden Sommer, ist ja keine ganz neue Erkenntnis. Und auch im ganz konkreten Fall von Covid-19 konnte man ebendies bereits im letzten Jahr beobachten. Da sollte man doch eigentlich davon ausgehen, dass das Land gut darauf vorbereitet wurde, oder? Tja, ist nur leider nicht der Fall …

Dabei hab (nicht nur) ich mich bereits im letzten Herbst gefragt, warum denn die Regierungen in Bund und Ländern nicht im Sommer bessere Vorbereitungen getroffen haben, da doch damals schon absehbar war, dass die Covid-19-Fallzahlen im Herbst und Winter hochgehen würden. Warum wurden keine Virenluftfilter in Klassenzimmern installiert? Und warum wurde nicht der Unterricht neu strukturiert, also mit kürzeren Schulstunden, zwischen denen dann ordentlich gelüftet werden könnte, was nämlich die für eine Infektion entscheidende Virenlast in der Raumluft deutlich verringern würde, als wenn man stur an den 45 Minuten festhält?

Warum wurden nicht neue Konzepte für den ÖPNV erstellt, um die hohe Ansteckungsgefahr in Bussen und Bahnen zu verringern?

Dass das im ersten Jahr der Pandemie nicht hingehauen hat, ist schon schwer nachvollziehbar gewesen. Dass nun im zweiten Jahr genau das Gleiche wieder eintritt, finde ich einfach nur noch unfassbar, zumal ja auch etliche Warnungen von Experten genau dies prognostizierten (s. hier). Ist das noch Fahrlässigkeit oder schon Mutwilligkeit?

Die Vermutung, dass es Letzteres sein könnte, drängt sich einem zudem auch auf, wenn man bedenkt, dass zum Ende des Sommers hin nicht nur die Impfzentren geschlossen, sondern auch noch die Gratistests eingestellt wurden. Klar, richtig gute Idee, wenn man gerade auf die Jahreszeit zugeht, in der wieder mit deutlich mehr Infektionen zu rechnen ist …

Und was noch dazukommt: Das Gesundheitssystem wurde ja schon seit Jahren reichlich kaputtgemacht, vor allem dank der zahlreichen Privatisierungen, deren Folgen dann immer schlechtere Arbeitsbedingungen bei gleichzeitig immer höheren Renditen für die Investoren sind – Pflegekräftemangel hausgemacht, sozusagen. Das hat sich nun während der Pandemie nicht eben verbessert, die gesamte Branche kriecht quasi gerade auf dem Zahnfleisch.

Hat es da denn nun wenigstens Unterstützung vonseiten der Politik gegeben? Nö.

Es wurden zwar 13.700 Intensivbetten mit immerhin 700 Millionen Euro an öffentlichen Geldern finanziert (s. hier), aber in Summe haben wir gerade aktuell 4ooo Intensivbetten weniger in den Klinken in Betrieb als noch zu Anfang des Jahres (s. hier).

Klingt absurd? Na ja, bei den vielen Milliarden, mit denen die Krankenhäuser im letzten Jahr bezuschusst wurden, wurde halt nicht darauf geachtet, einen Verwendungszweck mit anzugeben. Und so ist eben kaum was davon in den Personalbereich geflossen, sodass nun zu wenig Pflegefachkräfte vorhanden sind, um die unnütz rumstehenden Intensivbetten auch belegen zu können.

Da nun gerade die Auslastung der Intensivstationen als Parameter für die aktuelle Gefährdungslage herangezogen wird, ist dieser Umstand schon recht absurd. Würden nämlich die zurzeit zwar bezahlten, aber nicht genutzten Intensivbetten tatsächlich zur Verfügung stehen, könnte es zwar immer noch zu lokalen Engpässen bei der Versorgung von Intensivpatienten kommen, aber wohl eher nicht zu einer landesweiten Notlage.

Dass nämlich die Krankenhäuser im Winter Land unter melden, ist ja auch nichts ganz Neues und eben auf den schon seit Jahren festgestellten Pflegenotstand zurückzuführen. Und wenn dann wieder Covid-19 dazukommt, wird das auch nicht eben besser – was auch genau so absehbar war.

Wir haben es hier mal wieder mit einem eklatanten politischen Versagen zu tun. Wobei es mir immer schwerer fällt, da noch von Versagen auszugehen, denn so dämlich können selbst CDU-Politiker nicht sein. Also liegt auch hier die Vermutung der Mutwilligkeit nahe. Immerhin haben ja die Vermögenden und Großkonzerne als typische Klientel der Neoliberalen bisher reichlich von der Corona-Pandemie profitiert …

Um das nun allerdings zu kaschieren und keine allzu vehemente Kritik am ausführenden politischen Personal laut werden zu lassen, hat man auch schon einen schönen Sündenbock ausfindig gemacht: die Ungeimpften! Und das ist ja auch ein typisches neoliberales Muster: Der Einzelne wird für alles verantwortlich gemacht. Kennt man ja bereits auch bei Themen wie Verbraucherschutz oder Klimakatastrophe. Dass das wenig sinnvoll ist, legt Margarete Stokowski in ihrer mal wieder lesenswerten Kolumne auf Spiegel Online dar:

Aber so grausam und ekelhaft diese vierte Pandemiewelle ist, eine ziemlich relevante politische Erkenntnis bringt sie glasklar zutage: Selbstfürsorge bringt nicht viel, wenn man schlecht regiert wird. […]

Es ist ziemlich mühsam, wenn man versucht, Fürsorge für sich und andere zu praktizieren, wenn gleichzeitig die Politik aktiv am Gegenteil arbeitet.

Hierzu eins vorweg: Ich bin selbst zweimal geimpft, halte das auch durchaus für sinnvoll und habe bereits einen Termin im Januar für die dritte Impfung. Das muss man ja heutzutage mit dazusagen, denn die Atmosphäre in dieser Debatte ist schon reichlich vergiftet, sodass einem schnell mal ausschließlich persönliche Motive bei einer sachlichen Argumentation vorgeworfen werden.

Das Problem dabei: Es weiß ja eigentlich niemand so genau, wie vielen Menschen nun bereits geimpft sind in Deutschland. Das Robert Koch Institut (RKI) hat ja gerade vor ein paar Wochen schon einräumen müssen, von zu niedrigen Zahlen ausgegangen zu sein (s. hier), und auch die Vergleiche mit der Impfquote anderer Länder finde ich etwas fragwürdig, da sich mir dabei zumindest nicht erschließt, wie denn diese jeweils genau ermittelt wird: Sind die 100 % da die Gesamtbevölkerung oder sind das nur diejenigen, für die tatsächlich eine Impfung bereitsteht, also beispielsweise keine kleinen Kinder?

Aber das mit Zahlen intransparent rumhantiert wird, wie sie einem gerade in den Kram passen, ist ja leider auch nichts ganz Neues während der Corona-Pandemie. So hat ja gerade das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittel (LGL) in Bayern Folgendes festgestellt, wie in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung berichtet wird:

Das LGL betonte indes, dass die Zahlen mit Vorsicht interpretiert werden müssten: Als Corona-Todesopfer zählt, wer mit dem Virus infiziert war. Das bedeutet aber nicht, dass Corona auch unbedingt die Todesursache ist. Die Mehrzahl der Corona-Toten sind 80 und älter, dementsprechend litten viele auch an anderen Krankheiten. Einer Auswertung der Todesfälle nach Vorerkrankungen ist jedoch laut LGL nicht möglich.

Dieser Vorwurf, dass eben auch Verstorbene zu den Corona-Opfern zählen, die vielleicht an etwas ganz anderem ohnehin gestorben wären, wurde ja schon mehrfach erhoben, aber eben meines Wissens bisher noch nie von einer „offiziellen“ Stelle bestätigt, wie es hier nun der Fall ist.

Das alles schafft nicht eben Vertrauen. Und damit sind wir dann auch bei den Nichtgeimpften, denen oftmals ebendieses Vertrauen fehlt, wie ich Anfang des Monats in einer Folge meines Videoblogs Schaukelstuhl-Gedanken schon mal ausgeführt habe. Und dieses fehlende Vertrauen ist ja aufgrund der mangelnden Integrität von großen Teilen des politischen Personals auch nicht eben verwunderlich. Stichworte: Maskendeals, Cum-Ex, Wirecard …

Das Problem dabei: Es wird immer mehr nur noch schwarz und weiß gesehen, die Fronten verhärten sich zunehmend, die Diskussionskultur geht immer mehr den Bach runter. Und es werden eben auch ständig verfälschte Informationen verbreitet, die dann noch mehr zur Verunsicherung beitragen. So zum Beispiel, als kürzlich unter Impfgegnern ein Videoausschnitt prominent die Runde machte, in dem der Chefarzt einer Klinik in Antwerpen sagte, dass alle Covid-19-Intensivpatienten in seinem Haus geimpft seien. Was dabei dann weggelassen wurde, wie in einem Artikel von Correctiv geschildert: Die Impfquote ist in Belgien sehr hoch, und alle Patienten, die zum Zeitpunkt der Aussage des Chefarztes auf der Intensivstation waren, hatten das Immunsystem beeinträchtigende Vorerkrankungen.

Aber dieses Phänomen ist ja auch schon länger zu beobachten: Es wird nicht mehr geprüft, ob eine Aussage zuverlässig, vollständig oder aus dem Zusammenhang gerissen ist, sondern es wird nur noch geschaut, ob sich damit irgendwie die eigene Ansicht bestätigen lässt. Dieses Verhalten ist vor allem bei AfD-Anhängern und anderen Rechtsaußen häufig zu beobachten.

Und so wundert es dann auch nicht, dass offensichtlich viele derjenigen, die sich vehement gegen eine Covid-19-Impfung aussprechen, rechten Parteien zugetan sind. Das haben Wissenschaftler der Teilinstitute Jena und Bielefeld des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) unter Mitarbeit eines Epidemiologen vom Helmholtz Zentrum München im Rahmen einer Studie ermittelt, über die ein Artikel auf Zeit Online berichtet. Auch eine Forsa-Umfrage, deren Ergebnis auf der Facebook-Seite von Campact dargestellt wird, sagt Ähnliches aus:

Und da ich mittlerweile auch die FDP und die CDU/CSU zu den rechten Parteien zähle, komme ich da sogar auf nicht nur 2/3, sondern 81 %.

Was aber letztlich auch kein Wunder ist: Politisch rechts Stehende sind ja nun mal nicht für ihren übermäßigen Hang zu solidarischem Verhalten bekannt. Zudem sind das eben auch meistens Feiglinge, sodass sich da schon erklärt, warum gerade die nun auf die Panikmache bezüglich einer angeblichen Gefährlichkeit der Corona-Impfungen abfahren.

Was nun nicht heißen soll, dass alle, die sich bisher nicht haben impfen lassen, nun Rechtsextreme sind, und es gibt ja sogar sehr differenziert vorgetragene Einwände dagegen, wie beispielsweise von Christian Felber, der ja nun aufgrund der von ihm entwickelten Gemeinwohlökonomie fernab von jedem Verdacht, rechts zu ticken, ist. In einem Artikel auf den NachDenkSeiten schildert er 30 Gründe, warum er sich nicht hat impfen lassen, und das liest sich dann eben doch recht differenziert und durchdacht – auch wenn ich persönlich einiges davon anders sehe.

Und dann gibt es natürlich auch diejenigen, die schlüssige Argumente für das Impfen anführen, beispielsweise Sascha Lobo in seiner Kolumne auf Spiegel Online, der sich mit einigen der häufigsten Aussagen von Nichtgeimpften auseinandersetzt, oder Jo Schilling, die in einem Kommentar auf heise online vor allem darauf abstellt, dass Nichtgeimpfte, die dann vermehrt intensivmedizinisch betreut werden müssen, die Kapazitäten für andere Schwerkranke, beispielsweise Krebspatienten, blockieren. Finde ich nun auch durchaus nachvollziehbar.

Es wäre also gut möglich, sich anhand solcher Beiträge argumentativ damit auseinanderzusetzen, was für und gegen eine Impfung spräche – wenn nicht die Atmosphäre in den meisten öffentlichen Diskursen bei diesem Thema mittlerweile so vollkommen vergiftet wäre, dass sich beide Seiten sofort verbal an die Gurgel gehen. Und mittlerweile auch vor Gewaltandrohungen nicht mehr zurückschrecken, wie ich auf Social Media immer wieder feststellen muss.

Ich selbst habe nicht allzu viel Angst vor Covid-19, habe mich aber dennoch impfen lassen, da ich das vor allem als einen Akt der Solidarität mit denen sehe, die durch diese Krankheit stärker gefährdet sind als ich. Und tatsächlich scheint ja die Impfung nicht nur schwere Krankheitsverläufe unwahrscheinlicher zu machen, sondern auch generell eine Infektion, wie aus eine Grafik auf der Facebook-Seite vom NDR hervorgeht:

Aber mit der Solidarität ist das eben so eine Sache in einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten entsolidarisiert wird, indem ständig Egoismus und Konkurrenzdenken gepredigt wird. Oder wie ich bereits im März 2020 feststellte: Sapperlot – Egoisten verhalten sich egoistisch!

Und in dieser eh schon brisanten Gemengelage kommt dann als weiteres politisches Versagen hinzu, nämlich dass sich vollkommen eindimensional bei der Bekämpfung der Pandemie auf die Impfung fokussiert wurde. Ich halte die ja, wie gesagt, auch für richtig und wichtig, allerdings erschließt es sich mir nicht, warum neben den oben bereits angeführten Versäumnissen in Schulen, ÖPNV und Gesundheitswesen nicht auch verstärkt darauf gesetzt wurde, der Symptomatik zu begegnen. Darüber habe ich ja gerade letzte Woche einen Artikel geschrieben, in dem ich mein Unverständnis äußerte, wieso dem in einer ersten (und nicht komplett aussagekräftigen) Studie schwere Covid-19-Verläufe großteils verhindernden Asthmaspray nicht weitere Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Klar, mit den Impfstoffen wird zurzeit richtig viel Geld gescheffelt – und auch das trägt eben nicht dazu bei, das Vertrauen der Menschen zu stärken, dass es wirklich um eine zügige und effektive Bekämpfung der Pandemie geht – zumal ja auch die Pharmaindustrie bei allen wirklich guten Medikamenten, die sie herstellt, auch einen nicht unberechtigten zweifelhaften Ruf genießt. Der dann auch dadurch verstärkt wird, dass immer noch aufgrund von Patenten und Lizenzen viele Länder des globalen Südens nach wie vor kaum Impfstoff bekommen (s. hier) und die Impfstoffhersteller sogar darauf bestehen, Impfstoffe lieber zu vernichten, als sie an andere Länder weiterzugeben (s. hier). Wie soll denn auf diese Weise eine globale Pandemie eingedämmt werden?

Und so manifestiert sich nun eben das Misstrauen von vielen Menschen, das m. E. systembedingt im Neoliberalismus und daher durchaus auch berechtigt ist (s. hier), in einer großen Anzahl von Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie eben der Politik generell nicht mehr über den Weg trauen.

Allerdings habe ich auch zunehmend das Gefühl, dass dies sogar so beabsichtigt oder zumindest ein gewünschter Nebeneffekt ist, denn so kommt beim beliebten Teile-und-herrsche-Prinzip ja noch eine weitere Dimension hinzu: nach Männer gegen Frauen, Alt gegen Jung, Deutsche gegen Ausländer, Christen gegen Muslime und Arbeitende gegen Transferleistungempfänger nun auch noch Geimpfte gegen Ungeimpfte. Was ich übrigens genau so in einem Artikel vom August schon prognostiziert habe.

Und wie es auch Christian Felber in dem oben verlinkten Artikel auf den NachDenkSeiten sieht:

Die Diffamierung und Ausgrenzung einer Minderheit ist keine Solidaritäts-, sondern eine Divide-et-impera-Aktion, genau das, was üblicherweise von den „Rechten“ kommt.

Und da sind sich der Geimpfte und der Ungeimpfte dann doch mal einig …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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