Der Diskurs verroht immer mehr – nicht nur von Rechtsaußen

Dass man mit AfD-Jüngern nicht manierlich diskutieren kann, schon gar nicht im virtuellen Raum, habe ich ja bereits vor einigen Jahren festgestellt (s. hier und hier), zudem haben beispielsweise auch schon Volker Weiß und Franziska Schutzbach in lesenswerten Artikeln attestiert, dass man Menschen, die offensichtlich vor allem das Interesse haben, einen offenen Diskurs zu sabotieren, nicht mit Argumenten begegnen kann. So weit, so ungut. Nun erlebe ich aber in den letzten Monaten zunehmend auch vonseiten eindeutig nicht rechtsaußen zu lokalisierender Personen ein derartiges Diskussionsverhalten, bei dem es nicht darum geht, Argumente auszutauschen, sondern eben den anderen niederzuschreiben und vor allem auf jeden Fall recht zu behalten. Eine sehr gefährliche Entwicklung, wie ich finde.

Bei Hardcore-Neoliberalen aus den Reihen der CDU und FDP sowie ihren Anhängern ist diese Übernahme des Diskursverhaltens von AfD-Jüngern ja schon länger zu beobachten (s. dazu hier), und auch der Untertan (s. hier), besonders in Form des alten weißen Mannes, bedient sich derartiger Kommunikationsmuster (s. hier und hier), insbesondere vermehrt seit Beginn der Corona-Pandemie (so zumindest meine subjektive Beobachtung).

Dabei steht dieses Verhalten komplett dem entgegen, was eigentlich der Zweck einer Diskussion sein sollte: Man hört sich verschiedene Standpunkte an und wägt die vorgebrachten Argumente (die am besten auch noch belegbar sind) ab, was dann eben auch zu einem Revidieren der eigenen Ansichten führen kann, wenn sich auf diese Weise nämlich neue Erkenntnisse ergeben oder bisher nicht beachtete Aspekte hervorgehoben werden.

Mittlerweile habe ich allerdings den Eindruck, dass es zunehmend nur noch darum geht, in einer Diskussion recht zu haben. Und da ist es natürlich hinderlich, wenn tatsächlich gut begründete Einwände gegen die eigenen Standpunkte vorgebracht werden. Da Letztere hingegen fest zementiert sind und ein Abrücken davon einer Niederlage gleichkäme (hier schlägt dann auch das neoliberal indoktrinierte Konkurrenzdenken durch), werden Argumente gar nicht erst zugelassen, sondern stattdessen lieber Quellen als unglaubwürdig bezeichnet (selbst wenn sie das nicht sind) oder Diskutanten persönlich angegriffen.

Da auf diese Weise Diskussionen zunehmend emotional und weniger sachlich geführt werden (derjenige, der anderer Meinung ist, ist quasi ein Feind, den es zu schlagen gilt), ergeben sich dann eben auch die beobachteten Verhaltensmuster:

  1. Es werden nur Überschriften gelesen oder Bilder angeschaut, da es ohnehin nur darum geht, zu widersprechen, und ein konstruktiver argumentativer Austausch gar nicht beabsichtigt ist (s. hier). Hauptsache, man hat die eigene Meinung rausgeplärrt, um so der eigenen „Seite“ ein quantitatives Übergewicht zu verschaffen.
  2. Politiker oder andere Personen des öffentlichen Lebens werden zunehmend in Gut und Böse eingeteilt, sodass entweder alles richtig ist, was die sagen oder machen, oder eben alles falsch ist. Eine differenzierte Abwägung einzelner Aussagen und Handlungen findet nicht mehr statt, sondern es wird mit Klauen und Zähnen eine als gut klassifizierte Person verteidigt oder eine als böse kategorisierte attackiert. Darin finden sich auch viele Elemente des klassischen Untertanendenkens, das seine Herrschenden nie infrage stellt.
  3. Whataboutism ist zu einem Massenphänomen geworden. „Aber die anderen“ ist mittlerweile eine Standardantwort auf Kritik an Personen, insbesondere Politikern. Hierbei geht es dann nicht darum, sachlich der Kritik zu begegnen, sondern die Diskussion zu verschieben, indem man auf Kritikwürdiges bei anderen Personen hinweist – selbst wenn das inhaltlich gar nichts mit dem eigentlich diskutierten Thema zu tun hat.
  4. In der Folge redet man zunehmend weniger über Sachfragen und immer mehr nur über Personen, was dann wieder zu einer weiteren Emotionalisierung der Debatte führt.

Diese Verhaltensmuster in Diskussionen konnte ich, wie gesagt, bei AfD-Fans und andere Rechtsextremen schon seit Längerem beobachten. Dass überzeugte Neoliberale irgendwann auch diese miesen Manieren übernehmen würden, war schon irgendwie absehbar, denn schließlich ist deren Ideologie ja immer offensichtlicher gescheitert, sodass Argumente eben nicht mehr wirklich vorhanden sind, um die noch zu verteidigen. Zudem lässt sich auf diese Weise ja auch wunderbar Divide et Impera praktizieren und immer weiter in die Gesellschaft hineintragen. Und natürlich befördert das Teile-und-herrsche-Prinzip dann wiederum eine weitere Verunsachlichung bzw. Entrationalisierung der Diskussionen – eine ziemlich fiese Abwärtsspirale.

Zum ersten Mal so richtig deutlich bewusst ist mir das 2015 geworden, als in Hamburg ein Referendum zum Thema Olympiabewerbung der Stadt durchgeführt wurde. Da konnte man im Vorfeld in zahlreichen Diskussionen eine rein emotionale Gesprächsführung, vor allem von Olmypiabefürwortern, beobachten, und das durch alle Parteipräferenzen hinweg. In einem Artikel zu dem Thema schrieb ich damals:

Eine Menge guter Gegenargumente gibt es ja […], doch diese werden in der Regel von den Befürwortern einfach beiseitegewischt mit dem Verweis darauf, dass diejenigen, die diese vorbringen ja sowieso keine Ahnung hätten, und außerdem wären ja viel mehr dafür, und da werden dann auch gern mal Verbände genannt, bei denen das nicht der Fall ist. Wenn man dann hingegen eine entsprechende Äußerung als Zitat bringt, die das Gegenteil belegt, dann wird darauf nicht mehr eingegangen.

Auch Erfahrungswerte der letzten Olympischen Spiele werden grundsätzlich als irrelevant abgetan, stattdessen wird auf die Versprechen des Hamburger Senats verwiesen, die als absolut festgeschrieben Zukunft genommen werden. […]

Auch die persönlichen Vorwürfe dürfen nicht fehlen, wenn die Argumente ausbleiben oder nicht gegen die vorgetragenen Standpunkte, die gegen Olympische Spiele in Hamburg sprechen, ankommen. […] Es werden Allgemeinplätze heruntergebetet („Olympia ist super für die Stadt!“, „Das ist doch ein tolles Ereignis!“ usw.), die dann aber bei näherem Nachfragen auch nicht wirklich mit Inhalt gefüllt werden können. Und es werden absurde Behauptungen aufgestellt, so zum Beispiel, dass die Olympiagegner in der Broschüre, die den Abstimmungsunterlagen beiliegt, mehr Platz eingeräumt bekommen hätten als die Befürworter – mal vom Parteienteil, bei dem sechs Seiten pro von SPD und CDU, eine Seite neutral von den Grünen und eine Seite kontra, die noch zwischen Linken und AfD aufgeteilt wurde, abgesehen, sind das genau acht Seiten mit Argumenten für Olympia und acht Seiten mit Argumenten dagegen. Selbst der Hinweis darauf, dass acht Seiten nicht mehr als acht Seiten waren, wird dann ignoriert und weiter behauptet, die Olympia-Gegner hätten da ja auch mehr Platz. Wie will man mit solchen Menschen noch diskutieren?

Genau dieses Diskussionsverhalten kennt man ja bisher vor allem von Pegida, AfD und Co., für die Vorurteile und Gerüchte als Fakten zählen, Tatsachen dann aber sofort abgebügelt und notfalls mit „Lügenpresse“ verunglimpft werden. Die Meinung steht, und von der lässt man sich auch nicht abbringen. Unstimmigkeiten, Tatsachenverdrehungen und auch dreiste Lügen und Fälschungen werden für bare Münze genommen, wenn sie das eigene Weltbild stützen, Aussagen, die solche Unwahrheiten dann widerlegen, werden bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls mit Pöbeleien und Beleidigungen gekontert, da argumentativ eben nicht viel zu holen ist.

[…] die Emotionalität, mit der die Leute dabei sind: […] bei Olympia scheinen viele auch so eine Art Fanhaltung angenommen zu haben: Man will halt sein Event und freut sich drauf, und das will man sich nicht mit unangenehmen Infos kaputtmachen lassen. Auch die positiven Gruppengefühle, die viele noch vom patriotischen Taumel bei den letzten Fußball-WMs und -EMs im Gedächtnis haben dürften, spielen da mit Sicherheit mit rein, so was will man noch mal erleben, denn da konnte man ja den beschissenen Alltag mal eine Weile vergessen.

Und am Anfang der Corona-Pandemie war dann Ähnliches zu beobachten, wenn Kritik an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geäußert wurde, der damals von vielen Medien sehr gehypt wurde und kurzzeitig sogar der beliebteste Politiker Deutschlands war. Nun ist mittlerweile Spahns Versagen, gekrönt von den schäbigen Maskendeals, bei denen er auch ordentlich mitgemischt hat, offensichtlich geworden und wird wohl von kaum jemandem noch bestritten, aber damals war das echt noch komplett anders. Selbst wenn sich dieses Versagen dort nicht nur bereits mehr als deutlich ankündigte, sondern zudem auch zu seiner bisherigen politischen Karriere passte.

In wie deutlichem Maße sich darin ein im Zuge der Pandemie entfachter Untertanengeist zeigt, habe ich in einem Artikel vom August 2020 schon mal beschrieben.

Wenn es um die eigene Komfortzone ging, war ein solche Diskussionsstil ja schon länger zu beobachten (s. hier), nur kommt das nun eben auch bei Themen, die einen nicht direkt selbst tangieren, immer stärker zum Tragen – wobei natürlich die Covid-19-Pandemie auch schon etwas ist, was ja letztlich so gut wie jeden persönlich betrifft. Dass dann noch gepaart mit einer auch schon seit Längerem zu beobachtenden Verrohung weiter Teile unserer Gesellschaft (s. hier) – und schon gehen öffentliche Diskussionen immer mehr vor die Hunde oder werden zu unsachlichem Gezanke und Gepöbel.

Und das betrifft mittlerweile auch die immer noch irgendwie als zumindest ein bisschen links und progressiv geltenden Parteien SPD, Grüne und Linke bzw. deren Anhänger. Diese Erfahrung durfte ich in den letzten Wochen leider zunehmend machen, vor allem wenn es um Diskussionen in Bezug auf die neue Ampel-Regierung ging. Da wurden die Parteigranden mit einer Vehemenz gegen jede Form der Kritik in Schutz genommen, wie man es sonst vor allem von AfD-Jüngern kannte – und deren komplettes Repertoire an Diskussions(un)verhalten war ebenfalls immer wieder zu beobachten: pöbeln, Unterstellungen, Quellen nicht lesen, Aussagen verdrehen, Argumente ignorieren – das volle Programm!

Dabei ging es da nun gar nicht um schon an sich unsachliche Kritik, wie sie ja beispielsweise Annalena Baerbock im Wahlkampf oft genug erleben dufte, sondern beispielsweise um ganz konkrete Sachfragen, beispielsweise, warum denn die neue grüne Bundesaußenministerin bei ihrem offiziellen Besuch in London das da gerade brandaktuelle Thema Julian Assange komplett ausgespart hat. Oder Kritik daran, dass das Koalitionspapier offensichtlich sehr viel FDP und sehr wenig Ökosoziales vonseiten der Grünen und SPD enthält.

Und beim Thema Covid-19-Impfungen drehen mittlerweile sowieso fast alle komplett auf dem Teller, da reicht es schon, zu besonnenen und differenzierten Betrachtungsweisen aufzurufen, um angepöbelt zu werden – gern auch von SPD-, Grünen und Linken-Wählern. Schwarzweißdenken rules – und das bei einem extrem komplexen Thema. Aber da findet sich dann eben auch die oben beschriebene Emotionalität wieder, die einer sachlichen Auseinandersetzung zumeist im Wege steht.

Ich hab dabei dann immer die Aussage von Energieforscher Volker Quaschning (s. hier) im Kopf:

Die Coronakrise ist ja eigentlich Kindergarten, wenn wir uns überlegen, was aus der Klimakrise auf uns zukommt.

Wenn also dieser „Kindergarten“ schon ausreicht, um jedwede zivilisierte Diskussionskultur nicht nur von Rechtsaußen, sondern generell allzu häufig verschwinden zu lassen, dann frage ich mich, wie das erst aussehen wird, wenn die Klimakatastrophe voll zuschlägt (wovon ja leider auszugehen ist, da weltweit Weiter-so-Politik nach wie vor viel zu hoch im Kurs steht). Gerade im Angesicht der daraus resultierenden viel größeren Krisen wäre es ja wichtig, dass man zumindest miteinander redet und sich austauscht.

Doch dieser elementaren Kulturtechnik wird gerade leider mächtig Schaden zugefügt, wenn nicht sogar der Garaus gemacht. Und das eben nicht nur von den bereits hinlänglich bekannten Diskurszerstörern. Was ich ausgesprochen bedenklich, wenn nicht sogar fatal finde …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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