Nicht lesen, aber dagegen anreden …

Die Diskussionskultur, gerade im Internet, geht zunehmend den Bach runter. Darüber, dass man mit Rechtsaußen nicht manierlich diskutieren kann, habe ich ja schon vor einigen Jahren mal Artikel geschrieben (s. hier und hier), und auch dass ein ähnlich mieses Diskursverhalten von Personen, die nicht dem rechten Spektrum zuzuordnen sind (oder sich zumindest selbst so einordnen), immer wieder zur beobachten ist, habe ich schon das eine oder andere Mal geschildert (s. hier und hier). Dennoch habe ich immer wieder auch sehr konstruktive Diskussionen in sozialen Medien geführt und diese für ein geeignetes Mittel zum Austausch gehalten. Dies hat sich nun in den letzten Wochen und Monaten allerdings gravierend geändert, sodass ich Facebook und Co. mittlerweile weitgehend meide.

So habe ich die Erfahrung machen müssen, dass selbst Menschen, die ich persönlich kenne und die ich einem eher links-progressiven Spektrum zuordnen würde, sich in Diskussionen so verhalten, wie man es sonst vor allem von AfD-Jüngern gewohnt war: destruktiv, unsachlich und persönlich diffamierend.

So kam es dann beispielsweise vor, dass jemand, mit dem ich früher zusammen zur Schule gegangen bin, auf meiner Wall einen von mir geteilten Beitrag kommentierte und, als ich seine Aussagen mit Quellen widerlegte, daraufhin schrieb, dass er grundsätzlich nichts lesen würde, was ich verlinke.

Tolle Voraussetzung für eine sachliche Diskussion, oder?

Und das ist kein Einzelfall, sondern leider sehr häufig zu beobachten, wenn ich etwas Kritisches zum Corona-„Krisenmanagement“ der Bundesregierung geschrieben habe, etwa indem ich entsprechende Artikel von mir geteilt habe.

Dass Facebook nun ein Ort ist, an dem Zustimmung per Like-Button, Ablehnung allerdings nur verbalisiert geäußert werden kann, sodass Kommentare öfter negativ ausfallen, habe ich vor einigen Jahren ja schon mal in einem Artikel problematisiert. Neu ist zumindest für mich, dass so was nun nicht nur auf politischen Seiten/Gruppen, sondern auch auf persönlichen Walls stattfindet. Und dass eben Menschen, die man sogar persönlich kennt, sich dazu hinreißen lassen, einem dann in der Halböffentlichkeit eines Facebook-Profils deutliche Ablehnung entgegenzubringen, anstatt einen vielleicht mal auf anderem Wege zu kontaktieren, um so einen manierlichen Diskurs führen zu können. Per Telefon zum Beispiel.

Aber um einen Austausch von Argumenten geht es dabei m. E. ohnehin nicht, denn es werden vor allem nicht eben argumentative Diskussionsstrategien verwendet (die ich teilweise schon mal etwas ausführlicher vor einigen Jahren in einem Artikel beschrieb):

  • Quellen werden nicht gelesen, selbst werden keine oder nur wenige Quellen vorgebracht.
  • Daraus folgend werden „Argumente“ vorgebracht oder Unterstellungen formuliert, die sich von vornherein als haltlos erwiesen hätten, wenn denn die diskutierte Quelle mal gelesen worden wäre.
  • Es wird schnell auf die persönliche Ebene gewechselt: Nicht das Gesagte wird kritisiert, sondern die Person, die es gesagt hat, wird diffamiert.
  • Es wird immer wieder versucht, den Kritiker mit indiskutablen Typen wie Atilla Hildmann oder anderen Schwurblern gleichzusetzen, um ihn so herabzuwürdigen und sich nicht inhaltlich mit dem Vorgebrachten auseinandersetzen zu müssen.
  • Es werden kleine Ungenauigkeiten herausgegriffen, um sich dann darauf zu kaprizieren und so vom eigentlichen Thema wegzukommen.
  • Eigene Ansichten werden als allgemeingültig, davon abweichende als „Bullshit“ u. Ä. bezeichnet.
  • Abgeschmackte Phrase wie „Mach’s doch besser“ (immer wenig sinnvoll bei Kritik an Politikern bzw. deren Handeln) oder das Einfordern von Dogmatismus, dass also nur derjenige kritisieren darf, der selbst ohne jeden Fehl und Tadel ist, gehören ebenfalls dazu.
  • Es geht nicht darum, Argumente gegeneinander abzuwägen und vielleicht sogar die eigene Sichtweise zu revidieren, sondern ausschließlich darum, recht zu haben – und da weiß man natürlich schon von vornherein, dass man sowieso recht hat!
  • Konkrete Fragen werden meistens nicht beantwortet.
  • Wenn man dann mit zu vielen Quellen/Argumenten widerlegt wurde, sagt man einfach gar nichts mehr und gesteht schon erst recht nicht seinen Irrtum ein.

Ein paar Beispiele, um das mal zu illustrieren:

1. Als ich einen Artikel von mir auf Facebook teilte, in dem ich mich fragte, warum denn bei den Helios-Kliniken, die ihre Belegzahlen veröffentlichen, kein Covid-19-Notstand in den Intensivstationen zu erkennen ist, man aber sonst viele Berichte genau darüber liest, wurde ich sogleich angegangen, da wohl einige Wochen zuvor die AfD und andere Rechtsaußen mit diesen Zahlen Stimmung gemacht hätten.

Mal davon abgesehen, dass ich nun auch nicht mehr heliozentrisches Weltbild aufgeben würde, wenn Björn Höcke öffentlich verlautbaren lässt, dass die Erde sich um die Sonne dreht, war es nicht möglich, dann mal von demjenigen, der mir da indirekt eine AfD-Nähe vorwarf, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, ob denn die Zahlen von Helios nicht stimmen würden. Und auch den Versuch, eine inhaltliche Diskussion zu starten, ob denn beispielsweise das Zuweisermanagement nicht tauglich sei oder eben ein zu großen Teilen privatisiertes Gesundheitswesen nicht in der Lage ist, eine möglichst gleichmäßige Verteilung zu gewährleisten, wurde nicht aufgegriffen.

Stattdessen wurde mir dann noch unterstellt, ich würde mich über gestiegene Covid-19-Opferzahlen freuen …

2. Als ich mit einem kurzen Satz auf meiner Facebook-Wall meine Verwunderung darüber äußerte, dass trotz des Lockdowns die Fußballbundesliga spielen würde (wo ja keine Abstände eingehalten werden können), wurde mir dann irgendwann vorgehalten, dass ich ja, wenn ich Profifußball so hassen würde (was ich nie gesagt habe), auch Bilder, auf denen ich ein St.-Pauli-Shirt tragen würde, löschen müsste. Kindischer geht’s ja kaum noch. Die gleiche Person warf mir dann noch vor, dass ich bei meinen Kunden (unter denen einige Werbeagenturen sind) vielleicht auch mal strengere Maßstäbe anlegen sollte – was zwar nichts mit dem Thema zu tun hatte, aber eben vor allem eine unfaire Diskreditierung sein sollte.

3. Bei dem gleichen Fußballbeitrag behauptete dann jemand, dass sich ja alle anderen Menschen auch testen lassen könnten. Als dann eine Freundin von mir dagegen argumentierte, dass Tests nicht einfach so verfügbar seien für jedermann und sich viele das auch nicht aus eigener Tasche leisten könnte, wurde sie schließlich von demjenigen blockiert – nachdem er sich zuvor nicht entblödet hatte, auf eine konkrete Frage nach der Bezugsmöglichkeit von solchen Tests mit „Google doch“ zu antworten.

4. Und noch mal der Fußballbeitrag: Jemand behauptete, dass meine Aussage, dass die Labore schon jetzt am Limit seien mit ihren Testkapazitäten, sodass sich nicht einfach jeder anlasslos testen lassen kann, nicht zutreffen würde, und verlangte Quellen dafür (natürlich ohne selbst welche zu bringen). Als ich ihm dann vier Artikel dazu verlinkte (die sich sehr schnell online finden ließen), gab es natürlich keine Antwort mehr …

Reichlich grotesk, oder? Und das alles von Leuten, die ich persönlich kenne und bis dato eigentlich immer als recht zivilisierte und intelligente Menschen eingeschätzt hatte …

Was das Ganze noch absurder macht, ist, dass diese Leute stets auf meine Facebook-Wall gekommen sind, um sich darüber aufzuregen, was ich dort poste. Und mit mitzuteilen (und das teilweise auf echt üble Art und Weise), dass sie so was nicht lesen wollen. Wobei ich mich dann immer frage, warum die das dann nicht einfach links liegen lassen. Ich selbst sehe habe auch oft genug Sachen bei Facebook-Freunden gesehen, denen ich nicht zustimme, und das kommentiere ich dann ja auch nicht jedes Mal.

Dieses Verhalten ist m. E. ausgesprochen unsozial (sodass ich Dirks immer wieder verwendetem Terminus der „[un-]sozialen Medien“ mittlerweile doch sehr zustimmen würde), denn es zielt vor allem darauf ab, andere Ansichten zu unterbinden, andere Menschen mundtot zu machen und eine Schere im Kopf zu implementieren, die dazu führt, dass man bestimmte Äußerungen (und damit meine ich nun nicht Rassismus, Sexismus oder anderes Menschenverachtendes, was zu Recht gebrandmarkt gehört) nicht mehr tätigt, weil man weiß, dass man dafür persönlich angegriffen wird.

Das Blöde dabei: Dieses Vorgehen ist leider sehr erfolgreich. Ich habe mich in der letzten Zeit zumindest zunehmend von Facebook zurückgezogen, führe dort kaum noch Diskussionen, teile eigentlich nur noch meine Artikel, und das war’s.

So wird Facebook zunehmend zur Plattform für alte weiße Männer (die auch weiblich sein können), die dort ihre Obrigkeitshörigkeit und ihr Untertanentum ausleben. Dabei wäre Kritik an unserer Regierung doch gerade jetzt extrem wichtig, da deren Korrumpiertheit und antidemokratische Tendenzen immer offensichtlicher zur Schau treten (s. hier) – und die sich wahrscheinlich gerade sehr darüber freut, wie sich „der Pöbel“ gegenseitig an die Gurgel geht, so ganz im Sinne einer erfolgreichen Teile-und-herrsche-Strategie.

Und bei aller Gefährlichkeit des Corona-Virus mache ich mir doch langsam, aber sicher mehr Gedanken über das Untertanenvirus, was ja in Deutschland schon mal reichlich Schaden angerichtet hat im letzten Jahrhundert – und was nicht durch eine Impfung in den Griff zu bekommen ist …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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